ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE DER NIEDERLANDE

Die Industrialisierung kam spät: Zum einen, weil die Niederlande nur über geringe Vorkommen der Schlüssel-Rohstoffe Kohle und Eisenerz verfügen, zum anderen, weil auf das „Goldene Zeitalter“ eine lange wirtschaftliche Stagnation folgte: Im 18. Jahrhundert gingen wichtige Wirtschaftszweige wie der bisher europaweit führende Schiffbau, die Fischerei und das Brauereiwesen zurück. Die um Leiden, Delft und Haarlem etablierte Textilherstellung geriet gegen die britische Konkurrenz ebenfalls ins Hintertreffen, nur die hochspezialisierte Seidenweberei konnte sich halten. Stützen der Wirtschaft waren bis weit ins 19. Jahrhundert der traditionsreiche Handel - nicht zuletzt durch die Ausbeutung der Kolonien in Südostasien - und die hochproduktive Landwirtschaft, die Fleisch und Milchprodukte exportierte. Zu den wenigen expandierenden Gewerben zählten die Tabakverarbeitung und die Farbenherstellung: Die Anfänge der Tabakfabrik „Van Nelle“ und des bis heute bekannten Lack-Spezialisten „Sikkens“ liegen in dieser Zeit.

Politische Rückschläge wie die französische Herrschaft um die Wende zum 19. Jahrhundert und die Abspaltung Belgiens 1830 verlangsamten die Entwicklung weiter. Der Aufbau eines Eisenbahnnetzes begann 1839 mit der Strecke Amsterdam-Haarlem, blieb jedoch zögerlich – behindert durch die zahlreichen Wasserwege, die das Land durchziehen und die Vorliebe niederländischer Investoren, ihr Kapital im Ausland anzulegen.

Symbolträchtig, aber wenig folgenreich war die Entscheidung König Willems I., das Haarlemer Meer, das sich bedrohlich ins Land hineinfraß, mit Dampfpumpen trockenlegen zu lassen statt mit den im niederländischen Küstenschutz erprobten Windmühlen. Ab 1849 pumpten drei gigantische Dampfmaschinen das Wasser ab. Die größte ihrer Zeit, hergestellt von einer Eisengießerei aus Cornwall, arbeitete in der Pumpstation „De Cruquius“, heute ein Museum. Nach drei Jahren war aus Hollands größtem Binnensee eine Landfläche geworden, doch andere Infrastrukturprojekte trugen mehr Früchte.

Weil der Hafen Amsterdams durch die zunehmende Versandung des Ijsselmeers immer schlechter zu erreichen war, begann man 1865 mit dem Bau des Nordseekanals, einer direkten Verbindung zum Meer. Nun siedelten sich in der Stadt neue Firmen wie die Brauereien Heineken und Amstel an, Schiff- und Maschinenbau expandierten, Textilfabriken entstanden. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich, denn immer mehr Menschen zogen aus den Agrarregionen in die allmählich aufblühenden Industriestädte. Als 1889 der repräsentative Hauptbahnhof Amsterdam Centraal eröffnet wurde, hatte sich auch das Eisenbahnnetz über das ganze Land ausgedehnt.

Rotterdam profitierte ebenfalls vom Ausbau der Verkehrswege. Seit die Schwerindustrie im Ruhrgebiet boomte, hatte der Transithandel über den Rhein massiv zugenommen. Damit auch neue, immer größere Dampfschiffe, die die lukrative Transatlantikroute bedienten, den Hafen anlaufen konnten, wurde ab 1866 ein „Neuer Wasserweg“ zur Nordsee gegraben. Eine massive Expansion war die Folge. Dank einer neuen Brücke über die Maas rollten nun auch Züge in die südlichen Provinzen und am Südufer des Flusses entstanden weitere Hafenanlagen. Ab 1906 wurde schließlich der Waal-Hafen ausgehoben, der größte künstliche Hafen der Welt.

Um die Jahrhundertwende erreichte der Aufschwung seinen Höhepunkt. Die Niederlande profitierten von den typischen Branchen der „Zweiten Industrialisierung“ und eine Reihe weltbekannter Unternehmen entstand: Als Glühbirnenfabrik wurde 1891 in Eindhoven die Firma „Philips“ gegründet. Für die Chemie stehen die „Niederländische Kunstseidefabrik Enka“ und das Pharma-Unternehmen „Organon“, die später mit dem Farbenhersteller „Sikkens“ im „Akzo-Nobel“-Konzern aufgingen. Zwei Familienbetriebe aus dem Butter-Handel gründeten 1871 eine Margarine-Fabrik, die 1929/30 mit einem britischen Seifenfabrikanten zur Firma „Unilever“ fusionierte. Die weiterhin zunehmende Bedeutung des Kolonialhandels belegt die Geschichte der „Royal Dutch“: 1890 als eine der zahlreichen Firmen gegründet, die im heutigen Indonesien nach Rohöl bohrten, fusionierte sie 1907 mit einem aufstrebenden britischen Konkurrenten, dem früheren Muschelhändler Samuel Marcus, zur „Royal Dutch Shell“.

1896 begann in Limburg, der südlichsten Provinz, dank einer neuen Eisenbahn-Verbindung im großen Stil der Abbau der einzigen bedeutenden Kohle-Vorkommen des Landes. Im Lauf der nächsten dreißig Jahre errichteten dort 12 Bergwerke ihre Fördertürme und um die Städte Kerkrade und Heerlen entwickelte sich eine dicht besiedelte Industrieregion. Auch die Krisen der Zwischenkriegszeit konnten den Schwung des Aufbruchs nicht stoppen: 1919 wurde die Fluggesellschaft KLM gegründet. Auf Initiative einiger Industrieller, die die Abhängigkeit von Stahl-Importen zu verringern suchten, ging man 1920 an den Bau eines großen Stahl- und Walzwerks an der Mündung des Nordsee-Kanals. Doch die meisten Arbeitskräfte waren schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Dienstleistungssektor beschäftigt – vor allem im nach wie vor florierenden Handel. Damit waren die Niederlande besser für den nächsten Strukturwandel gewappnet als einst in ihrer frühen Glanzzeit.