ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON ARMENIEN

Die Zivilisation in Armenien ist Jahrtausende alt, doch die hohen Berge und tief eingeschnittenen Täler des Kleinen Kaukasus bilden ein großes Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung. Ackerland ist knapp, in den Gebirgen liegen nur wenig Bodenschätze und auch nennenswerte Energieressourcen fehlen. Zudem wurde das Land seit dem Mittelalter immer wieder zum Zankapfel der umgebenden rivalisierenden Großmächte.

Das wichtigste Rohstoff-Vorkommen ist Kupfer, das schon in vorgeschichtlicher Zeit gewonnen wurde. Ende des 18. Jahrhunderts begann der Abbau in größerem Maßstab, vor allem in den Bergbau-Städten Kapan und Alawerdi. Die wirtschaftlichen Aktivitäten nahmen zu, nachdem das Land 1828 aus der Herrschaft Persiens in russische Hände übergegangen war. Die Verarbeitung von Baumwolle und Feldfrüchten für den Export ins Zarenreich begann, der Wein-Anbau wurde intensiviert und in Eriwan entstand 1887 die erste Fabrik für die Cognac-Herstellung – bis heute das bekannteste Ausfuhrprodukt Armeniens. Ab 1899 rollten Züge zwischen der russischen Stadt Kars (heute Türkei) und Tiflis in Georgien, die auch im armenischen Gjumri hielten (damals Alexandropol). Dank der neuen Transportverbindung bauten vor allem französische Investoren die Kupfer-Gewinnung im nahegelegenen Alawerdi aus. Beim Bau weiterer Strecken wurde in den Folgejahren auch Eriwan angeschlossen. Langsam bildete sich eine Arbeiterschicht und in den Bergbauzentren zeigten sich erste Anzeichen der Verstädterung.

Im Ersten Weltkrieg und den folgenden Wirren litt das immer noch agrarisch geprägte, rückständige Land schwer unter Hunger und Zerstörung. 1922 wurde das Territorium des heutigen Armenien Teil der Sowjetunion, die das in der sozialistischen Wirtschaftspolitik übliche Industrialisierungsprogramm einleitete. Ein Schwerpunkt lag auf der Energieversorgung: 1923 entstand in Eriwan das erste Wasserkraftwerk, 1936 begann der Bau der Sewan-Hrasdan-Kaskade, einer Kette von sieben Kraftwerken, die mit Wasser aus dem Sewan-See und dem Hrasdan-Fluss gespeist werden. Zugleich entstanden dringend benötigte Bewässerungskanäle für die Landwirtschaft.

Moskau intensivierte den Abbau von Kupfer und Molybdän in Alawerdi, und begründete in Eriwan, Gjumri und Wanadsor eine diversifizierte Industrielandschaft: Chemie-Kombinate wurden aus dem Boden gestampft, Werke für Maschinenbau und Rüstungsgüter eröffnet, aber auch Fabriken für Textilien, Schuhe und Lebensmittelverarbeitung. Die Aluminiumhütte in Eriwan entwickelte sich zu einem der größten europäischen Hersteller von Alu-Folien. In den 1930er Jahren erzeugte die Industrie bereits den Großteil der Wirtschaftsleistung Armeniens.

Ab den 1950er Jahren wurde die Elektrotechnik zur Spezialität der armenischen Produktion: Das Spektrum reichte von Rechenmaschinen über Computer bis zu elektronischen Bauteilen für die sowjetische Luftabwehr. Damit war die Entwicklung hoch-spezialisierter Forschungseinrichtungen verbunden, insbesondere des 1956 von dem angesehenen Mathematiker Sergei Mergelian begründeten heutigen „Yerevan Computer Research and Development Institute“. Dort entstanden in den 1960er Jahren die innovativen Computer-Familien „Rasdan-2“  und „Nairi“. Das Museum für Wissenschaft und Technik in Eriwan dokumentiert diese Pionierleistungen.

Um die größte Schwäche der armenischen Wirtschaft zu beheben, ließ die sowjetische Führung in den 60er Jahren eine Reihe neuer Wärmekraftwerke bauen, die allerdings auf den Import von Öl und Gas angewiesen sind. Da der Sewan-See durch den hohen Bedarf der Kraftwerke zunehmend Wasser verlor, begann der Bau eines fast 50 Kilometer-langen Tunnels, der Wasser aus dem Fluss Arpa heranführt. 1980 ging zudem das Kernkraftwerk Metsamor in Betrieb.

Trotzdem blieb das Land von den stark vergünstigten Energie-Importen aus der Sowjetunion abhängig, so dass die Schwächen der sozialistischen Industriepolitik beim Zerfall der UdSSR drastisch zu Tage traten: Armenien büßte praktisch seine gesamte Energieversorgung ein, zugleich brach ein Großteil der Exportmärkte weg. Vor allem das russische Militär fällt seitdem als Großabnehmer von Rüstungsgütern aus. Das katastrophale Erdbeben 1988 und die Kriege mit dem Nachbarland Aserbeidschan haben den dramatischen Wirtschaftseinbruch weiter verschärft.

Armenien war eine Unionsrepublik der im Jahr 1991 aufgelösten 'Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR)'.
Lesen Sie daher zur Abrundung auch unsere Beiträge zur Industriegeschichte der anderen ehemaligen UdSSR-Republiken


Aserbaidschan
Belarus
Estland
Georgien
Lettland
Litauen
Moldau
Russland
Ukraine