Zur Industriegeschichte von Aserbaidschan

Die Industriegeschichte Aserbeidschans ist großenteils eine Geschichte des Erdöls. In den Böden des Landes ruhen zwar auch Eisen, Kupfer und andere Erze, doch der Abbau blieb vergleichsweise bescheiden. Auf dem Gebiet des heutigen Staats dominierte die Landwirtschaft, bis der Run auf Öl einsetzte.

Erdöl und seine Nebenprodukte werden seit Jahrtausenden genutzt: Bitumen schon in der Urgeschichte zum Abdichten von Booten, später Asphalt im Straßenbau der Babylonier. Im frühen Mittelalter berichteten Historiker erstmals von den natürlichen Öl-Quellen auf der Halbinsel Abşeron am Kaspischen Meer. Marco Polo erzählte von Öl aus der Region, das auf Kamelen über die Seidenstraße transportiert wurde. Man verwand es als medizinisches Heilmittel, als Brennstoff für Lampen und für das „Griechische Feuer“, eine Waffe ähnlich einem Flammenwerfer. Ein Boom setzte aber erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein, als sich für Haushalte und Straßenbeleuchtung Petroleumlampen durchsetzten.

Unter den Zaren, seit 1813 Herren über den größten Teil des heutigen Aserbeidschan, fand 1846 auf der Halbinsel Abşeron die erste erfolgreiche Ölbohrung statt. In der Folge entstanden Fabriken für Rohölprodukte wie Kerosin und Parafin. Als die russische Regierung 1872 begann, staatliches Land auf Abşeron zu verkaufen und Erdölkonzessionen zu vergeben, schossen die Bohrtürme nur so aus dem Boden. Ausländische Investoren aus den boomenden europäischen Industriestaaten strömten ins Land, in Baku entwickelte sich das als „Schwarze Stadt“ bekannte Zentrum der Erdöl-Verarbeitung. Auf der „weißen“ Seite der schnell wachsenden Metropole ließen sich Robert und Ludvig Nobel die repräsentative „Villa Petrolea“ errichten, in der heute ein Museum der Ölindustrie untergebracht ist. Die Nobels, wie ihr Bruder Alfred sowohl Unternehmer als auch Erfinder, gründeten 1878 die Firma „Branobel“, entwickelten stählerne Öltanks und legten von den Ölquellen zu ihrer Raffinerie die ersten Pipelines. Um den Transport ins Herz des Zarenreiches zu beschleunigen, gaben sie den ersten seetüchtigen Öltanker in Auftrag, der das „Schwarze Gold“ dann über das Kaspische Meer zur Wolga brachte.

„Branobel“ war bald einer der größten Öl-Konzerne der Welt, doch 1883 etablierte Alfons Rothschild einen konkurrierenden Vertriebsweg:  Er finanzierte eine Bahnstrecke von Baku zum georgischen Schwarzmeer-Hafen Batumi, um von dort aus seine Raffinerie am Mittelmeer per Schiff mit Rohöl zu versorgen. Russland erzeugte jetzt zusammen mit den USA beinahe 100% der Welt-Erdöl-Produktion. Baku wurde zur multi-ethnischen Metropole mit europäischem Flair, doch im Rest des Landes allerdings stagnierte die Wirtschaft. Trotz erfolgreicher Innovationen wie dem Rotationsbohren ging ab der Jahrhundertwende dann die Öl-Förderung auf Abşeron zurück.

Den 1918 gegründeten ersten aserbeidschanischen Staat besetzte zwei Jahre später die Rote Armee. Die Sowjetunion intensivierte die Ölförderung umgehend: Ausländische Konzerne erhielten Konzessionen und neue Felder wurden erschlossen. In Baku eröffnete 1920 das Polytechnische Institut, die heutige „Staatliche Öl- und Industrie-Universität“ als erste Ausbildungsstätte für Ingenieure der Ölindustrie. 1928 begann auch die Förderung von Erdgas. 1947 brachte man erste Öl-Bohrungen im Kaspischen Meer nieder.

Zur wirtschaftlichen Diversifizierung trug das Industrierevier in Kirovabad (heute Gǝncǝ) bei, in dem noch vor dem Zweiten Weltkrieg eine Aluminium-Hütte, Chemie- und Textil-Fabriken errichtet wurden. 1948 führte der Bau eines großen Wasserkraftwerks am Mingǝçevir-Stausee zur Entstehung der gleichnamigen Stadt, in der vor allem Leichtindustrie für die Herstellung von Baumaterialien und Textilien angesiedelt wurde. Nördlich von Baku mit seinen zahllosen Raffinerien entstand 1949 Sumqayıt, die bedeutendste Gründung, mit chemischen Anlagen zur Weiterverarbeitung des Rohöls, zudem nahmen dort energie-intensive Betriebe wie eine Aluminiumhütte und ein Röhren- und Walzwerk den Betrieb auf.

Ab den fünfziger Jahren verlor das aserbeidschanische Öl an Bedeutung, weil in der Wolga-Ural-Region und später in Sibirien neue Felder entdeckt wurden, doch Öl und Gas blieben die wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes. Seitdem die UdSSR zerfallen ist, liegt Aserbeidschan daher mit anderen ehemaligen Sowjetrepubliken im Streit, die nach wie vor auf die subventionierten Energielieferungen des sozialistischen Wirtschaftsnetzes angewiesen sind.

Aserbaidschan war eine Unionsrepublik der im Jahr 1991 aufgelösten 'Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR)'.
Lesen Sie daher zur Abrundung auch unsere Beiträge zur Industriegeschichte der anderen ehemaligen UdSSR-Republiken


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