ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON MOLDAU

Die fruchtbaren Schwarzerde-Böden sind die einzige bedeutende Ressource des Landes, an Bodenschätzen sind höchstens Kalkstein und Gips zu nennen, die sich für die Herstellung von Baustoffen eignen. Vor allem im Kernland zwischen den Strömen Pruth und Dnjestr, in der heutigen Republik Moldau, waren die Bedingungen für eine Industrialisierung daher schlecht und die Bevölkerung lebte jahrhunderte-lang in Armut.

Der Dnjestr diente im Mittelalter immerhin als Verkehrsader für den Handel zwischen Polen und dem Schwarzen Meer und die Republik Genua errichtete befestigte Stützpunkte an seinen Ufern. In dieser Epoche begann auch der untertägige Kalkstein-Abbau in den Hügeln um Cricova nahe der Hauptstadt Chişinău. Heute dienen die ausgeräumten unterirdischen Hallen als Lager für Weinhändler und Weinbau-Museum.

1812 ging das rückständige Land von den Osmanen an die russischen Zaren über, die es „Bessarabien“ nannten. Sie bauten Chişinău mit einem rechtwinkligen Straßenraster zur Hauptstadt des neuen Gouvernements aus. 1867 rollte dann der erste Zug Richtung Odessa aus dem Bahnhof von Tiraspol im heutigen Transnistrien, östlich des Dnjestr. Chişinău wurde erst einige Jahre später an die Eisenbahn angeschlossen. 1877 errichtete dann kein Geringerer als der französische Ingenieur Gustave Eiffel auf der Strecke nach Rumänien eine neue Brücke über den Pruth. In Tiraspol eröffnete 1897 die Firma „Kvint“, die noch heute Weine und Spirituosen herstellt, doch ein nachhaltiger Aufschwung blieb aus.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Moldau Teil Rumäniens. Obwohl die neue Regierung umgehend eine Agrarreform anging, blieb die Landwirtschaft unproduktiv. Das Gewerbe beschränkte sich neben dem traditionellen Handwerk auf kleine Betriebe wie Mühlen und Ölpressen, die Agrarprodukte verarbeiteten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Land erneut in russische Hände über und die Führung in Moskau startete eine umfassende Industrialisierungskampagne – anders als in den meisten Sowjet-Republiken jedoch mit dem Schwergewicht auf der Mechanisierung der Landwirtschaft und dem Ausbau der Nahrungsmittelindustrie: Zuckerfabriken, Molkereien und Konservenfabriken entstanden, moldawische Weine und Brandies wurden dank neuer Großkeltereien und Brennereien zu bedeutenden, weit über die Sowjetunion hinaus geschätzten Exportgütern. Moldaus Landwirtschaft zählte bald zu den produktivsten Wirtschaftszweigen der Sowjetunion.

Zugleich entstanden in den größeren Städten Werke für den Maschinen- und Traktorenbau sowie Fabriken für Textilien und Elektrogeräte. Die Schwerindustrie dagegen konzentrierte man östlich des Dnjestr: Seit 1954 erzeugt ein Wasserkraftwerk am Dubăsari-Stausee elektrischen Strom, 1964 folgte das Kuchurgan-Kraftwerk. In Rîbniţa öffnete 1961 eine große Zementfabrik ihre Tore und 1985 ein Stahlwerk. In Tiraspol wurde der Textilhersteller „Tirotex“ gegründet. Die noch heute bedeutendsten Industrie-Anlagen des Landes liegen in Transnistrien – der Region, die sich nach der Unabhängigkeitserklärung der Republik Moldau 1991 de facto abgespalten und mit Russland verbunden hat. Das stärker rumänisch geprägte Kernland, praktisch ein Agrarstaat, dem zudem auch die günstigen Energie- und Rohstoff-Lieferungen aus der zerfallenen Sowjetunion fehlen, steckt seitdem in einer schweren, anhaltenden Wirtschaftskrise.