Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Es liegt mitten in einem Wohngebiet: das Zwangsarbeiterlager 75/76 in Berlin-Schöneweide. Ab Juni 1944 lebten hier deportierte Zivilisten aus ganz Europa, außerdem mehr als 400 italienische Militärinternierte sowie etwa 200 weibliche KZ-Häftlinge. Wer waren sie, was haben sie erlitten? Davon und von dem Schicksal ihrer 26 Millionen Leidensgenossen, die im Dritten Reich verschleppt und versklavt wurden, erzählt das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, das heute in einem Teil des fast vollständig erhaltenen Barackenlagers untergebracht ist. Die Ausstellung „Alltag Zwangsarbeit 1938 – 1945“ geht auch deshalb so unter die Haut, weil sie unmittelbar am Ort des Unrechts gezeigt wird. Besonders eindringlich: eine Galerie mit großformatigen Fotoporträts von Zwangsarbeitern –Menschen, die dem Rassismus, der Ausbeutung und der Gewalt des Dritten Reichs tagtäglich ausgesetzt waren. In der Ausstellung „Zwischen allen Stühlen“ geht es speziell um die italienischen Soldaten und Unteroffiziere, die die Nazis ab Ende 1943 hunderttausendfach in der Rüstungsindustrie schuften ließen. Im Keller der Baracke 13 haben sie zahlreiche Namensinschriften hinterlassen. Weitere Baracken beherbergen ein Archiv, eine Bibliothek und eine internationale Jugendbegegnungsstätte.

Geschichte

Das nationalsozialistische System der Zwangsarbeit – darauf liegt der Fokus des Dokumentationszentrums – basierte auf massenhafter verbrecherischer Versklavung und rassistisch motivierter Gewalt. Und: Es war tief im Alltag der Deutschen verankert. Zwangsarbeiter kamen überall zum Einsatz: von der Bäckerei bis zum Bekleidungsgeschäft, ebenso in kommunalen Einrichtungen wie der Müllabfuhr, in der Landwirtschaft, auf kirchlichen Friedhöfen, sogar in Privathaushalten. Allein im Berliner Stadtgebiet gab es etwa 3.000 Lager für Zwangsarbeiter.

Das Dokumentationszentrum in Berlin-Schöneweide ist die einzige Institution ihrer Art in einem fast vollständig erhaltenen Zwangsarbeiterlager inmitten eines Wohnbezirks. Am 8. Juni 1943 weist der „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ (GBI) den sofortigen Bau des Barackenlagers 75/76 für 2.160 Personen an. Allerdings wird das Lager nie ganz fertiggestellt und ist auch nie vollständig belegt. Im Juni 1944 beziehen polnische und tschechische Zwangsarbeiter die ersten Baracken, gefolgt von 435 italienischen Soldaten und Offizieren. Sie gehören zu den 450.000 italienischen Kriegsgefangenen, die Hitler zu „Militärinternierten“ erklärte, um sie unter Umgehung des Völkerrechts als Zwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion einzusetzen. 1945 kommen weitere 250 Zwangsarbeiter aus West- und Osteuropa sowie eine Gruppe weiblicher Häftlinge eines Außenlagers des KZ Sachsenhausen hinzu. Heute wird ein Teil der Baracken von einer Werkstatt, einer Sauna, einer Kindertagesstätte, einem Autohaus und einer Kegelgaststätte genutzt. Das Dokumentationszentrum, Teil der Stiftung Topographie des Terrors, eröffnet 2006 in jenem Bereich des Lagers, in dem bis 1995 das Impfstoff-Institut der DDR residierte. Das Zentrum, dessen Entstehung sich einem starken bürgerschaftlichen Engagement und der wachsenden öffentlichen Diskussion um die Entschädigung von ehemaligen Zwangsarbeitern verdankt, versteht sich als Ausstellungs-, Archiv- und Lernort.

Empfohlene Aufenthaltsdauer:2-4 Stunden
Dauer einer geführten Tour:120 Minuten
Eintritt:frei
Barrierefreier Zugang:vollständig
Angebote für Kinder:

Dienstag - Sonntag 10.00-18.00 Uhr

  • Führungen möglich
  • Fremdsprachliche Führungen

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