ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON GRIECHENLAND

Ob man sie mit West- oder mit Osteuropa vergleicht, die Geschichte der Industrie in Griechenland bleibt ein Sonderfall. Die Voraussetzungen waren nicht günstig, denn Griechenland zerfällt in zahllose, weitverstreute Inseln und ein von schroffen Gebirgen geprägtes Festland. Rohstoffe wie Steinkohle und Eisenerz fehlen, die Landwirtschaft, jahrhundertelang durch Großgrundbesitz geprägt, konnte kaum Entwicklungsimpulse liefern.

Schon unter osmanischer Herrschaft blühte jedoch in Nordgriechenland der Handel auf: Im 18. Jahrhundert importierte Zentraleuropa große Mengen von zu „Korinthen“ und „Sultaninen“ verarbeiteten Trauben, die ersten französischen Textilfabriken verlangten Rohbaumwolle und in Kleinstädten wie Naoussa und Ambelakia florierte die Textilproduktion. Hotspot der Entwicklung war die Hafenstadt Thessaloniki, in der jüdische und griechische Kaufleute über den Land- und Seeweg einträgliche Handelsbeziehungen knüpften.

Das unabhängige Griechenland, 1832 im Süden gegründet, stand vor einer großen Herausforderung. Vielfach in mächtige Familienclans aufgespalten, behindert durch Analphabetismus, Kapital- und Arbeitskräftemangel, erlebte der junge Staat erst ab den 1860er Jahren einen bescheidenen Aufschwung. Der Anteil der Landwirtschaft an der Wirtschaftsleistung ging zurück, erstaunlicherweise vor allem zugunsten der Dienstleistungen. Aber auch die Industrie wuchs, vor allem durch die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte wie Nahrungsmittel und Tabak sowie die Textilherstellung. Eine wichtige Rolle spielte der Schiffbau für die griechische Handelsmarine, die noch heute einer der stärksten Wirtschaftszweige ist. Die Werften auf der agäischen Insel Syros beispielsweise zählten zu den Pionieren im Stahl- und Dampfschiffbau. In Lavrion bei Athen wurde der antike Bergbau auf Silber und Blei wiederbelebt, bezeichnenderweise mit französischem Kapital. Gegen Ende des Jahrhunderts ließ die Regierung das Eisenbahnnetz ausbauen, 1893 eröffnete sie den Kanal von Korinth.

Auch im Norden, der noch türkisch beherrscht war, belebte sich die Wirtschaft. In Thrakien florierte die Seidenherstellung, Thessaloniki erlebte einen rasanten Bevölkerungsanstieg und wurde 1872 an die Eisenbahn nach Skopje und bald auch nach Belgrad angeschlossen. 1913 wurde Makedonien mit seiner Handelsmetropole dann Teil des griechischen Staates.

Der griechische Feldzug in Kleinasien nach dem Ersten Weltkrieg endete 1922 katastrophal, löste aber immerhin einen ökonomischen Aufbruch aus. Gezwungen, mehr als eine halbe Million Flüchtlinge zu versorgen, führte die Regierung eine Landreform durch und modernisierte die Landwirtschaft. Zugleich baute sie das Verkehrsnetz und die Häfen aus. Nördlich von Athen wurde der Marathon-Staudamm errichtet. Da nun mehr gut ausgebildete Arbeitskräfte zur Verfügung standen, erlebte das Land einen weiteren Industrialisierungsschub: Technisch anspruchsvollere Branchen wie Maschinenbau, Chemie und Textilproduktion überholten die Lebensmittel- und Tabak-Verarbeitung. Der Bergbau expandierte dank der Entdeckung von Bauxit, dem wichtigsten Rohstoff für die Aluminiumherstellung. Die Industrie blieb jedoch durch Kleinbetriebe geprägt, technische Innovationen spielten nur eine geringe Rolle.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem folgenden Bürgerkrieg verlief der Aufschwung schleppend. Dank Hilfen aus dem Marshall-Plan konnte das Verkehrsnetz weiter verbessert, eine landesweite Stromversorgung und ein Telefonnetz aufgebaut werden. Jetzt begann auch die Energiegewinnung aus einheimischer Braunkohle. Da die griechische Drachme über lange Zeit stabil blieb, setzte Mitte der sechziger Jahre schließlich eine dritte Industrieblüte ein, mit der Baubranche als Motor. Die Wirtschaft wuchs fast so schnell wie in Japan, die Arbeitsproduktivität verbesserte sich deutlich. 1968 überstieg der Anteil der Industrie am Bruttosozialprodukt erstmals den der Landwirtschaft, doch schon 1975 ging er wieder zurück.

Im Endeffekt gewann die Industrie nie die Bedeutung wie in den westlichen Nationen. Der sinkende Wirtschaftsanteil der Landwirtschaft verlagerte sich seit Ende des 19. Jahrhunderts stattdessen in den Dienstleistungssektor. Erheblichen Anteil daran hatte der Staat, der Hunderttausende neuer Arbeitsplätze in der Verwaltung einrichtete, dazu kam der ab Mitte des 20. Jahrhunderts boomende Tourismus. Industriebetriebe – von Ausnahmen wie den großen Reedereien abgesehen - werden weit öfter wie kleine Familienunternehmen geführt als durch ein an Profit und Innovationen orientiertes Management. Die griechische Industrialisierung ist bisher nicht abgeschlossen, doch Wissenschaftler debattieren jetzt, ob das Land statt einer verzweifelten Aufholjagd nicht eine alternative Entwicklungsstrategie versuchen sollte.

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