ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON RUSSLAND

Allein schon im europäischen Teil war das Russische Reich reich an Bodenschätzen. Dass die Industrialisierung trotzdem erst spät einsetzte, lag hauptsächlich am Mangel an Arbeitskräften und Kapital – verursacht durch die jahrhundertelange, extreme Ausbeutung der leibeigenen Bauern und das Desinteresse des Adels an innovativen wirtschaftlichen Projekten. Um die Ökonomie anzutreiben, blieb nur der Staat. 

Den ersten Modernisierungsschub löste Zar Peter der Große (1672-1725) im frühen 18. Jahrhundert aus, weil er sein Reich militärisch stärken wollte. Er ließ in St. Petersburg Schiffswerften und Eisengießereien errichten und förderte im Ural den Bergbau auf Kupfer- und Eisenerze, die mit in den örtlichen Wäldern erzeugter Holzkohle verhüttet wurden. So entstand dort 1723 aus einer Eisenhütte die Stadt Jekaterinburg. In Ischewsk im westlichen Ural entwickelte sich aus einer Eisenhütte die Rüstungsproduktion, die bis heute betrieben wird, in Tula südlich von Moskau begründete der Zar die Tradition der Waffenherstellung. Auch die Textilherstellung blühte auf. In Ivanovo, dem späteren „russischen Manchester“, begann die Flachsproduktion, in der Baumwollverarbeitung in Schlüsselburg ging gegen Ende des Jahrhunderts die erste Spinnmaschine in Betrieb, 1805 in Petersburg die erste Dampfmaschine.

Der Eisen-Boom dagegen flaute im 19. Jahrhundert wieder ab und die Regierung versuchte, die Wirtschaft durch den Eisenbahnbau zu beleben. Auf die 1837 eröffnete, rein repräsentative Strecke von St. Petersburg zum Sommerpalast in Zarskoje Selo (Puschkin) folgte eine Verbindung zwischen dem damals russischen Warschau und der Grenze Österreich-Ungarns, ab 1851 rollten Züge zwischen St. Petersburg und Moskau. Finanziert wurden die Strecken überwiegend mit ausländischem Kapital. Auch den Bedarf an Gleisen konnte die einheimische Eisenfabrikation nicht decken, Lokomotiven und Waggons mussten ebenfalls importiert werden.

1861 hob Zar Alexander II. (1818-81) endlich die Leibeigenschaft aufhob, löste aber keine wirtschaftliche Belebung aus, weil die Bauern weiter von den adligen Grundbesitzern abhängig blieben und in den Erzgruben des Ural, wo leibeigene Arbeiter geschuftet hatten, die Eisenproduktion sogar zurückging. Das wachsende Schienenetz half jedoch, den Getreideexport über die Häfen an der Ostsee und dem Schwarzen Meer erheblich zu steigern. Die Regierung begann nun, Mittel in die Schwerindustrie zu pumpen, die Förderung von Steinkohle stieg an, die Produktion von Eisen und Stahl vervielfachte sich und das Russische Reich erlebte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die erste Phase der Industrialisierung. Die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft waren jedoch oft noch katastrophaler als im Frühkapitalismus des Westens.  

In dieser „Gründerzeit“ gelang es der Regierung, mithilfe hoher Importzölle den Rubel zu stabilisieren und weitere ausländische Investitionen anzuziehen. 1892 begann – vor allem aus strategischen Gründen – der Bau der Transsibirischen Eisenbahn, 1916 war sie fertig gestellt. St. Petersburg entwickelte sich zum Zentrum des Maschinenbaus, in Moskau boomte insbesondere die Textilindustrie, doch neben den beiden, schnell wachsenden Großstädten war Russland noch immer ein Agrarstaat, als 1918 die Bolschewiki die Macht übernahmen.

Lenins Experiment mit der liberalen „Neuen Ökonomischen Politik“ löste Stalin ab 1929 durch eine kompromisslose Industrialisierungspolitik ab. Stahlerzeugung und Kohleförderung - in der damals sowjetischen Ukraine wie in Sibirien - vervielfachten sich. Im Südural wurde 1932 mit dem gigantischen Stahlzentrum Magnitogorsk  die erste von zahlreichen Retortenstädten aus dem Boden gestampft, in Rostow am Don entstand in Rekordzeit Europas größtes Landmaschinenkombinat, im Traktorenwerk Stalingrad (heute Wolgograd) lief ab Mitte der dreißiger Jahre die Serienfertigung, in Gorki (heute Nischni Nowgorod) produzierte das Automobilwerk GAZ Pkw und Lkw. Aus dem Moskauer Büro des Konstrukteurs Andrej Nikolajewitsch Tupolew entwickelte sich einer der weltweit innovativsten Flugzeughersteller. Ebenfalls in Moskau nahmen 1932 die Alexandrow-Radiofabriken den Betrieb auf, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Massenproduktion von Fernsehgeräten begannen. Neue Kraftwerke lieferten Strom, neue Kanäle und Bahnlinien erleichterten Transporte, in Sibirien ging die wirtschaftliche Erschließung voran. Erkauft war der rasante Aufstieg unter die großen Industrienationen jedoch mit einer eklatanten Vernachlässigung der Landwirtschaft, dramatischen Mängeln in der Versorgung mit Konsumgütern und der anhaltenden Bedrohung durch den Terror der Staatsgewalt.

Perm. Kupferhütte Egoshihinsky

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