ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON NORDMAZEDONIEN

Im europäischen Vergleich erreichte Nordmazedonien sehr spät seine Unabhängigkeit – und so setzte auch die Industrialisierung sehr langsam und spät ein. Die Voraussetzungen des Naturraums waren nicht ungünstig: In den Bergen liegen bedeutende Rohstoffvorkommen und durch die Mitte des Landes zieht sich eine der großen Verkehrsachsen Südosteuropas: Das Stromtal des Vardar setzt sich weiter nördlich mit dem Ibar im Kosovo und der Morava in Serbien fort. Im Süden führt die Route zu den großen Handelshäfen Istanbul und Thessaloniki.

Auf diesem Weg durchquerten Kaufleute, Armeen und Reisende jahrhunderte-lang die zerklüfteten Gebirge des Balkan. Auch die alte Ost-West-Route, die antike Via Egnatia, streift beim Städtchen Bitola (historisch „Monastir“) den südlichen Rand des Landes.

Als die Osmanen Nordmazedonien Ende des 14. Jahrhunderts ihrem Imperium einverleibt hatten, blühte der Handelsverkehr auf der Nord-Süd-Achse auf, vor allem die Hauptstadt Skopje (türkisch „Üsküb“) profitierte.  Fatale Folgen hatte die osmanische Herrschaft jedoch für die Wirtschaft auf dem Balkan: Da der Löwenanteil der Äcker und Weiden Großgrundbesitzern gehörte, die meist in Istanbul oder Thessaloniki lebten und sich nicht für die Modernisierung der Anbaumethoden interessierten, blieb der Ackerbau für Jahrhunderte rückständig und konnte die rasch wachsende Bevölkerung nicht ernähren. Kapital für neue wirtschaftliche Unternehmungen fiel erst recht nicht ab.

Eine bescheidene Belebung setzte Ende des 19. Jahrhunderts ein: Die osmanische „Régie Company“, hinter der europäische Banken standen, investierte in die Tabakwirtschaft in der Region um Prilep und 1873 wurde die erste wichtige Bahnlinie eröffnet, die Skopje mit dem Hafen von Thessaloniki verband. 1913 endete die Herrschaft der Osmanen, 1918 wurde Nordmazedonien schließlich dem „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ zugeschlagen, als ärmste Region des ersten jugoslawischen Staats. Bis zum Zweiten Weltkrieg entstanden – vor allem in Skopje – einige Fabriken zur Verarbeitung von Nahrungsmitteln, Baumwolle und Tabak. Das Eisenbahnetz wurde um kleinere Strecken erweitert und britische und deutsche Investoren begannen mit dem Abbau von Chromit, doch für einen grundlegenden Aufbau der Industrie fehlten Kapital, qualifizierte Arbeitskräfte und ein Verkehrsnetz.

Endlich als eigenständige mazedonische Nation anerkannt, wurde das Land 1945 Teilrepublik der „Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien“. Mit Bosnien-Herzegowina und Montenegro bildete Nordmazedonien die arme Südhälfte des neugegründeten Staates. Die Regierung in Belgrad startete dann eine groß angelegte Industrialisierungskampagne nach sowjetischem Vorbild: In Zletovo begann schon 1947 der Abbau von Blei- und Zinkerzen, in Tetovo 1952 die Eisenverarbeitung, später folgte ein Kupferbergwerk in Radoviš. Zu den ersten Energieerzeugern zählten ein Wasserkraftwerk in Mavrovo am Vardar und ein Braunkohlekraftwerk in Skopje. Die Hauptstadt entwickelte sich mit großen Stahl- und Aluminiumwerken und schließlich auch einer Ölraffinerie zum führenden Industriezentrum. 

Anders als in den anderen Landesteilen investierte die Staatsführung in Nordmazedonien stärker in die Leichtindustrie: Auch Lebensmittel-, Textil- und Zigaretten-Fabriken wurden gegründet, in Bitola begann die Produktion von Landmaschinen und Haushaltsgeräten. Obwohl ein Erdbeben 1963 schweren Schäden anrichtete, überstieg die Industrieproduktion zu Beginn der siebziger Jahre die Wirtschaftsleistung der Landwirtschaft klar. Trotz der Bemühungen der Zentralregierung zählte das Land aber weiterhin zu den ärmsten Gebieten Jugoslawiens, denn neben dem immer noch spürbaren Rückstand im Bildungssektor und im Transportwesen wirkten sich Arbeitslosigkeit und Kapitalmangel, die typischen Schwächen der jugoslawischen Wirtschaft, in Nordmazedonien stärker aus als in den anderen Teilrepubliken.

Skopje. Öl-Raffinerie

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