ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON MONTENEGRO

Ein kleines Land, von zerklüfteten Bergketten und tiefen Schluchten durchzogen, fast ohne gutes Ackerland, jahrhundertelang vom Meer abgeschnitten: Montenegro hatte sehr schlechte Voraussetzungen für eine erfolgreiche Industrialisierung, ja, überhaupt für eine florierende Wirtschaft.

Offiziell geriet Montenegro im 15. Jahrhundert unter die Herrschaft der Osmanen. Wie in den anderen Balkanländern kamen die wenigen ergiebigen Agrarflächen in die Hände türkischer Großgrundbesitzer, die sich um die Modernisierung der Landwirtschaft nicht kümmerten. An Armut und Rückständigkeit änderte es auch nichts, dass die einheimischen Fürsten den osmanischen Herren in den unwegsamen Gebirgen erfolgreich Widerstand leisteten und sich eine beachtliche Autonomie bewahrten.

Ein herausragendes Ereignis war 1493 die Installation einer Druckerpresse im Dorf Obod nahe der Hauptstadt Cetinje – nur wenige Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks. Doch eine Kulturblüte konnte sich in dem isolierten, umkämpften Land nicht entfalten: Das Bildungsniveau lag bis weit ins 20. Jahrhundert sehr niedrig. Montenegro profitierte auch nicht vom florierenden Seehandel, an den heute ein Museum in der Hafenstadt Kotor erinnert, denn die Adriaküste gehörte teils zu Venedig, teils zum Osmanischen Reich.

Als das Land 1878 unabhängig wurde, schlugen die europäischen Großmächte den Küstenstreifen zwar Montenegro zu, stellten ihn jedoch unter die Kontrolle der Habsburger. In Kotor wurden nun einige Schiffahrtsgesellschaften gegründet, in Nikšić die Onogošt-Brauerei. Die Österreicher eröffneten in Tivat eine Werft für ihre Marine und bauten im Binnenland 1901 eine erste Schmalspur-Bahnlinie. Die Wirtschaft hing jedoch allein von der Tierzucht ab, Vieh war der einzige wichtige Export-Artikel. Das Land konnte sich nicht selbst ernähren und die Hälfte des Staatshaushalts bestand aus Subventionen, die Russland aus militär-strategischen Gründen zahlte. Im folgenden Jahrzehnt entstanden nur einige Fabriken für Agrar- und Holzprodukte.

Im 1918 gegründeten „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, dem ersten jugoslawischen Staat, blieb Montenegro der kleinste und ärmste Teil. Wegen der niedrigen Löhne und Steuern siedelten sich einige kroatische Textilunternehmen an, die Städte Nikšić und Podgorica wuchsen. Größere Fortschritte scheiterten jedoch an den miserablen Verkehrsverbindungen, dem hohen Analphabetentum und dem eklatanten Kapitalmangel.

Mit der Gründung der „Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien“ 1945 setzte ein massiver Wandel ein. Die Hauptstadt Montenegros wurde nach Podgorica verlegt (damals „Titograd“) und die Zentralregierung ging nach sowjetischem Vorbild den Ausbau der Schwerindustrie an. 1948 begann bei Nikšić der Abbau von Bauxit, dem wichtigsten Rohstoff des Landes. Bauxit ist der entscheidende Grundstoff für die Aluminium-Herstellung und so legte man 1968 in Podgorica den Grundstein für die Aluminium-Hütte KAP. In Nikšić, das bald als „Stadt von Industrie, Stahl und Bier“ gefeiert wurde, stampfte man ein Stahlwerk aus dem Boden, das sich zu Montenegros gewaltigster Industrieanlage entwickelte. Blei- und Zinkerz-Vorkommen wurden ausgebeutet, Braunkohle abgebaut.

Da die Wirtschaftspolitik vor allem die Verwertung der mineralischen Ressourcen förderte, wuchs die Leichtindustrie nur langsam: In der ehemaligen Hauptstadt Cetinje eröffneten Kühlschrank- und Schuh-Hersteller, Papierfabriken, Sägewerke und Lebensmittelfirmen entstanden.  Um die massiven Transportprobleme zu beheben, baute man den Hafen von Bar aus und plante neue Bahnverbindungen. Ab 1959 rollten Züge zwischen Bar und Podgorica. Die Strecke wurde dann in die große Fernverbindung nach Belgrad integriert, die 1976 fertig wurde. Der spektakulärste Abschnitt liegt wenige Kilometer nördlich von Podgorica: Ein Viadukt, das sich in 198 Metern Höhe über die Schlucht des Mala Rijeka-Flusses spannt. Es galt als höchste Eisenbahnbrücke der Welt, bis sich 2001 chinesische Ingenieure den Rekord holten.

Die Industrieproduktion des Landes, die 1947 noch bei etwa 5% gelegen hatte, war in den siebziger Jahren auf über ein Drittel der Wirtschaftsleistung gestiegen, die Zahl der Industriearbeiter überstieg die Beschäftigung in der Landwirtschaft deutlich. Dennoch war Montenegro noch immer eine der armen Teilrepubliken Jugoslawiens, als 1979 ein verheerendes Erdbeben das Land weiter zurückwarf.

Bijela. Adriatic Shipyard

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