ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON LITAUEN

Alle drei baltischen Staaten verfügen nur über wenige Rohstoff-Vorkommen, aber Litauen ist am längsten ein Agrarland geblieben. Seit 1795, als die russischen Zaren es  nach dem Zerfall der polnisch-litauischen Union in ihr Imperium integrierten, erzeugte Litauen vorrangig Nahrungsmittel. Manufakturen entstanden kaum. Doch die Landwirtschaft war rückständig und weite Flächen blieben auch nach der formalen Aufhebung der bäuerlichen Leibeigenschaft 1861 in der Hand von Großgrundbesitzern. Die Landbevölkerung litt unter hoher Arbeitslosigkeit.

Im selben Jahr 1861 rollten erstmals Züge durch Litauen, als Kaunas und Wirbalis an die Bahnstrecke von Sankt Petersburg nach Warschau angeschlossen wurden. 1873 wurde der König-Wilhelm-Kanal eröffnet, der die Memel mit dem Hafen von Klaipėda  verband und den Schiffern die Fahrt durch das Kurische Haff ersparte. Gegen Ende des Jahrhunderts entstanden erste Industrieunternehmen, die hauptsächlich Erzeugnisse der Land- und Forstwirtschaft verarbeiteten: Papiermühlen, Brauerereien und Chayim Frenkels große Gerberei in Šiauliai. Auch Werke für die Metallverarbeitung wurden gegründet, doch selbst in Vilnius dominierten handwerkliche Betriebe wie Gerbereien und Pelzwerkstätten. 1902 wurde dort das repräsentative Kraftwerk eröffnet, in dem heute das Energie- und Technikmuseum zuhause ist.

Nachdem Litauen 1918 von Russland unabhängig geworden war, förderte die Regierung die Landwirtschaft, um den Export anzukurbeln. Sie führte erneut eine Bodenreform durch und unterstützte die Gründung von Agrar-Genossenschaften. Ähnlich wie in Dänemark gelang es den Landwirten,  sich von der Ausfuhr von Getreide auf die Erzeugung von Milchprodukten und Schinken umzustellen, die in Westeuropa gefragt waren und höhere Gewinne abwarfen. Die Elektrifizierung des Landes wurde mit neuen Kraftwerken in Klaipėda und Telšiai vorangetrieben. Um größere Unternehmen, insbesondere der Schwerindustrie, aufzubauen, fehlte jedoch das Kapital. Vorherrschend blieb die Produktion von Nahrungsmitteln und Textilien, gefolgt von Betrieben der Metall- und Holzverarbeitung.

Nach dem Zweiten Wektkrieg, der weite Gebiete verwüstete, kam Litauen erneut unter russische Herrschaft. Anders als in den anderen sozialistischen Staaten ließ die sowjetische Regierung anfangs keine riesigen Werke der Schwerindustrie aus dem Boden stampfen, sondern begann, die etablierten Branchen der Lebensmittel- und der Leichtindustrie auszubauen. Erst mit dem Ende der 50er Jahre erlebte auch Litauen eine massive Industrialisierung. 1959 entstand das Chemiewerk in Kėdainiai, das heute unter dem Namen „Lifosa“ produziert, 1962 eröffnete in Jonava eine Fabrik für Kunstdünger, die jetzt von der Firma „Achema“ betrieben wird. Im selben Jahr ging das gigantische Kraftwerk bei Elektrėnai in Betrieb, das Litauen noch immer mit Elektrizität versorgt. 1970 begann der Bau des Ignalina-Kernreaktors, der der weltgrößte werden sollte und mittlerweile abgeschaltet ist. Im Hafen von Klaipėda wurden Docks für hochsee-taugliche Fischtrawler ausgebaut.

Zur Wirtschaftspolitik der UdSSR gehörte die gezielte Verzahnung der Unionsrepubliken und der verbündeten Staaten: Weitgehend unabhängig von den Voraussetzungen vor Ort bekamen die Länder spezielle Produktionsaufgaben. Rohstoffe und Arbeitskräfte wurden ggf. aus anderen Republiken importiert, die Produkte in wieder andere exportiert. So belieferten die weit entfernten Ölfelder bei Ufa die litauische Raffinerie in Mažeikiai. Im Baltikum siedelte Moskau wegen des massiven Rohstoffmangels viele arbeitsintensive Branchen an, was zu einem hohen Zustrom russischer Arbeiter führte, durch den sich die baltischen Republiken in ihrer ethnischen Identität bedroht fühlten. Litauen litt weniger darunter, weil man dort Fabrikarbeiter aus der beschäftigungslosen Landbevölkerung rekrutieren konnte. Bei Abschluss seiner Industrialisierung versorgte das Land die Union sozialistischer Staaten dann mit einem bedeutenden Anteil hochspezialisierter technischer Produkte wie Werkzeugmaschinen, Fernsehgeräte und Computer für militärische und zivile Zwecke.

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