ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON LIECHTENSTEIN

Für Jahrhunderte galt der winzige, 1719 gegründete Staat in den Alpen als Armenhaus Europas: Eingeklemmt im Rheintal, mit Österreich im Osten und der Schweiz im Westen, ohne eigene Rohstoff-Vorkommen, musste das Fürstentum sogar Holz importieren. Die Landwirtschaft produzierte nur für den Eigenbedarf, der Binnenmarkt war unbedeutend und Kapital für wirtschaftliche Unternehmungen fehlte.

Die beginnende Industrialisierung Europas schlug sich in Liechtenstein nur 1836 in der Gründung der Kachelofenfabrik Schädler nieder, aus der später eine Firma für Kunstkeramik wurde, die noch heute existiert. Der 1852 geschlossene Zollvertrag mit der Monarchie der Habsburger eröffnete dem Land endlich den Zugang zu einem größeren Wirtschaftsraum. Die erste Bank wurde gegründet und erstmals die Infrastruktur ausgebaut: Bei Schaan und Bendern schlug man Brücken über den Rhein. Das Tal der Samina wurde 1864 durch eine Straße und einen Tunnel erschlossen, so dass sich allmählich der Bergtourismus entwickeln konnte. Ab 1872 querten Züge der „k.k. priv. Vorarlberger-Bahn“ das Land und in Schaan-Vaduz entstand ein Hauptstadt-Bahnhof – der im Fernverkehr zwischen Österreich und der Schweiz allerdings nicht bedient wurde.

Mehrere Webereien nahmen den Betrieb auf, die die Antriebsenergie der schnell fließenden Bergbäche nutzten, insbesondere die Firmen der Schweizer Unternehmer Caspar Jenny und Johann Jakob Spoerry, die vom zollfreien Zugang zum österreichischen Markt profitieren wollten. 1905 fusionierten sie zu einem bedeutenden Textilunternehmen, das - mit einer Unterbrechung nach dem Ersten Weltkrieg - bis 1982 produzierte. Das 1870 erbaute imposante Fabrikgebäude in Triesen und ein zugehöriges Arbeiterwohnhaus stehen heute unter Denkmalschutz.

Der bescheidene Aufschwung reichte aber nicht, um die Bevölkerung zu ernähren: Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren viele Liechtensteiner gezwungen, Arbeit in den Nachbarländern zu suchen oder auszuwandern. Entscheidend für die erfolgreiche spätere Wirtschaftsentwicklung war, dass sich das Fürstentum nach dem Zerfall des Habsburger-Imperiums eng an die Schweiz anschloss: 1921 übernahm Liechtenstein die Schweizer Währung, 1923 folgte mit einem Zollvertrag die Eingliederung in den Schweizer Wirtschaftsraum und ab Mitte der dreißiger Jahre setzte – auch durch niedrige Löhne und Steuern begünstigt - ein Boom von Firmengründungen ein. Da in der Regel nur eine Bewilligung je Branche erteilt wurde, kam es zu einer nachhaltigen Diversifizierung der Industrie und viele der Betriebe existieren noch heute.

Der Liechtensteiner Toni Hilti eröffnete 1935 die Scana-Konservenfabrik, aus der sich der Nahrungsmittelkonzern „Hilcona“ entwickelte. Sein Bruder Martin gründete 1941 die Maschinenbaufirma Hilti, heute weltbekannt in der Befestigungstechnik. Aus der „Gerätebau-Anstalt Balzers“ entwickelte sich „Oerlikon Balzers“, ein führendes Unternehmen für Vakuum- und Oberflächentechnik. Die Wirtschaft des Landes profitierte auch davon, dass sich Konzerne der deutschen Rüstungsproduktion ansiedelten wie 1941 die „Press- und Stanzwerk AG“, die mittlerweile unter dem Namen „ThyssenKrupp Presta AG“ vor allem Lenk-Systeme für den Fahrzeugbau herstellt. In den 1950er Jahren erlebte die junge Industrie dann einen stürmischen Aufschwung, in dem die Zahl der Beschäftigten zeitweise um das Fünffache anstieg.

Heute erzeugen überwiegend hochtechnisierte, forschungsintensive Industrieunternehmen mit ihren Exportgütern rund 40% des Bruttoinlandsprodukts. Die Mehrheit der Erwerbstätigen arbeitet jedoch im Dienstleistungssektor: Insbesondere das liechtensteiner Finanzwesen, das bis vor kurzem als sicherer Hafen für Steuerflüchtlinge galt, trägt zum Wohlstand der Bevölkerung bei, die ihrem Monarchen nach wie vor eine umfassende Machtfülle zugesteht.

Triesen. Baumwollweberei Jenny & Spoerry