ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON ESTLAND

Nachdem die russischen Zaren Estland 1710 ihrem Imperium einverleibt hatten, entstanden nach und nach erste Manufakturen wie die Sagemühle in Räpina, Glaswerke bei Põltsama oder eine Porzellanfabrikation in Tallinn. Eine behutsame Industrialisierung setzte ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein: Am bedeutendsten war die 1857 gegründete Textilfabrik Kreenholm in Narva, deren Baumwollspinnereien und Tuchwebereien von den Wasserfällen des Narova-Stroms angetrieben wurden. Mit Arbeiterhäusern, Schulen usw. wuchs das Werk nach und nach zu einer Industriesiedlung, zeitweise zählte es zu den größten Textilproduzenten der Welt. 

Den Anschub für weitere Gründungen lieferte – wie so oft – der Eisenbahnbau. 1870 entstand eine Verbindung von Paldiski über Tallinn und Narva nach Sankt Petersburg. 1896 ging eine Schmalspurbahn von Parnu nach Valga in Betrieb, die bald ein umfangreiches Streckennetz bediente. In Tallinn wurden Streichholz-und Möbelfabriken eröffnet, die Papier- und Zellstoffherstellung blühte auf. Zu den größten estnischen Werken zählte die Waggonfabrik Dvigatel in Tallinn, die auch viele Arbeiter aus Russland anzog. Der Hafen wickelte den zweitgrößten Warenumschlag Russlands nach Sankt Petersburg ab. Er wurde vor dem Ersten Weltkrieg mit Werften insbesondere für die zaristische Marine erweitert. Während des Krieges begann in Kohtla-Järve der Bergbau auf Ölschiefer, der sich in der Folge zu Estlands größter Energiequelle und einem bedeutenden Exportartikel  entwickelte. Ölschiefer eignet sich nicht nur als Brennstoff, sondern auch als Grundstoff für Lacke, Asphalt und Schmiermittel, zudem lässt sich daraus ein Öl extrahieren, das als Energieträger mit Erdöl konkurrieren kann.

Nach dem Wiederaufbau entstanden in der nun unabhängigen „Republik Estland“ weitere Industrien auf der Basis heimischer Rohstoffe wie Zementwerke, Holzverarbeitung und Nahrungsmittelproduktion. Chemiewerke nahmen die Produktion von Gummi und Kunstdünger auf, Ende der dreißiger Jahre begann eine viel versprechende Elektroindustrie mit der Herstellung von Radios und Telefonen. 1939 endete die Unabhängigkeit jedoch abrupt mit der Stationierung sowjetischer Truppen und dem nachfolgenden Anschluss an die UdSSR.

Im Zweiten Weltkrieg stand Estland mal unter sowjetischer, mal deutscher Besatzung und erlitt erneut schwere Zerstörungen. Danach wurde es Teil der Sowjetunion, die als Erstes begann, die estnischen Brennstoff-Vorkommen auszubeuten. Bereits 1946 nahm die Ölschiefer-Industrie die Produktion wieder auf, ab 1948 strömte aus Ölschiefer gewonnenes Gas erstmals durch eine Pipeline nach Leningrad. Nahe den Ölschieferbergwerken in Sillamäe an der Nordostgrenze ließ die sowjetische Regierung eine Uran-Anreicherungsanlage errichten und wandelte das einstige Seebad in ein abgeschottetes Zentrum der Rüstungsindustrie um.

Nach der Beseitigung der Kriegsschäden forcierte die Regierung in Moskau die Industrialisierung, die in eine starke Abhängigkeit von der UdSSR führte: Außer dem Ölschiefer kamen praktisch alle Rohstoffe sowie ein guter Teil der Arbeitskräfte aus Russland – und die meisten Waren aus estnischer Fabrikation flossen zurück in die Sowjetunion. Ausgebaut wurden überwiegend Industrien, die sich in der Zeit der Unabhängigkeit entwickelt hatten: Neben dem Abbau und der chemischen Verwertung von Ölschiefer vor allem die Papier- und Möbelproduktion sowie die Herstellung von Nahrungsmitteln und Textilwaren. In den fünfziger Jahren förderte die Regierung auch den Maschinenbau und die Metallverarbeitung, doch klassische Branchen der Schwerindustrie wie Kohleförderung, Stahlherstellung und Autobau fehlten, weil das Land nicht über Erz- und Kohlevorkommen verfügt. Estland profitierte jedoch von den gut ausgebauten Transportwegen und einem hohen Ausbildungsniveau und in den sechziger Jahren übertraf die Zahl der Industriearbeiter schließlich die der anderen Wirtschaftssektoren – falls man den manchmal zweifelhaften sowjetischen Statistiken glauben kann. Trotz der einseitigen Konzentration auf Energieerzeugung und Leichtindustrie zählte Estland nun zu den am stärksten industrialisierten und wohlhabendsten Regionen des russischen Imperiums - wie einst schon unter den Zaren.

Türi. Papier- und Holzverarbeitungsfabrik

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