ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON WEISSRUSSLAND

Weißrussland besitzt nur wenige Bodenschätze, vor allem Kohle und Eisenerz, die Grundstoffe der klassischen Schwerindustrien, fehlen. Bedeutend sind allein die Vorkommen von Pottasche (Kaliumkarbonat), die insbesondere für die Düngemittel- und Glasherstellung gebraucht wird. Im 19. Jahrhundert – das Land gehörte damals zum Russischen Reich – entstanden daher nur einige Fabriken zur Verarbeitung einheimischer Rohstoffe: Die erste Dampfmaschine wurde in den 1820er Jahren in einer Weberei installiert, im späteren Verlauf des Jahrhunderts kamen vor allem Sägewerke, Lederwaren- und Papierfabriken dazu.

Wie in vielen Teilen Russlands lösten erst die Aufhebung der bäuerlichen Leibeigenschaft  durch Zar Alexander II (1818-81). 1861 und der Bau der Eisenbahnlinien stärkere wirtschaftliche Impulse aus. Der erste Bahnhof entstand in Hrodna (russisch Grodno) im äußersten Westen Weissrusslands, wo die 1862 eröffnete Verbindung zwischen Sankt Petersburg und Warschau, der Hauptstadt des russischen „Kongresspolens“, das Land durchschnitt. Es folgte ein Abzweig, der Daugavpils im ebenfalls russischen Lettland mit Polazk und Wizebsk verband, sowie 1872 schließlich die Strecke von Moskau über Brest (früher Brest-Litowsk) nach Warschau. So bekam 1873 auch Minsk einen Bahnhof.

Bis zum Ersten Weltkrieg entstand in Weissrussland des dichteste Eisenbahnnetz im Imperium des Zaren, obwohl ein eklatanter Kapitalmangel Bahnbau und Industrialisierung massiv behinderte. Das Land war auf Geld aus dem Ausland angewiesen und die Eigentümer neuer Betriebe, von der elektrischen Straßenbahn in Wizebsk bis zu Sägewerken in Minsk, kamen meist aus westlichen Staaten.

Auf den Ersten Weltkrieg  folgte eine erste Phase der Unabhängigkeit, doch schon ab 1920 wurde die „Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik“ von Moskau aus regiert. Die Sowjetunion investierte in den Wiederaufbau der kriegszerstörten Werke, doch Ende der zwanziger Jahre gehörte Weißrussland noch immer zu den wenig entwickelten Republiken. Industriell wurden weiterhin vor allem Nahrungsmittel, Holzprodukte und Papier hergestellt. Das Bild wandelte sich mit dem ersten Fünfjahresplan in den dreißiger Jahren. Aufgrund der strategisch ungünstigen Lage am Westrand der Union und wegen der fehlenden Rohstoffe ließ die Regierung in Weißrussland keine Werke der Schwerindustrie aus dem Boden stampfen, sondern baute die vorhandenen Branchen aus und erweiterte die industrielle Basis: Neue Werke produzierten nun Nähmaschinen und Kunstfasern, Glas und Textilien. Die 1930 gegründete Fabrik für Erntemaschinen in Homel (russisch Gomel) ist bis heute am Markt.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete einen katastrophalen Einschnitt mit über zwei Millionen Toten und dem Verlust von gut 80% der Fabriken. Im Wiederaufbau verschob Moskau das Gewicht von der Leichtindustrie zu Maschinenbau und Metallverarbeitung und die Industrialisierung des Landes kam zum Abschluss. In Minsk wurden 1946 die Traktorenwerke gegründet, die mit dem „Belarus“-Traktor den bis heute bekanntesten Exportartikel Weissrusslands produzieren. 1947 folgte der Autohersteller MAZ, der sich vor allem auf schwere Lastwagen spezialisierte und nicht zuletzt das sowjetische Militär belieferte.

Neue Werksgründungen folgten vor allem in den fünfziger Jahren,  insbesondere die chemische Industrie wurde ausgebaut: In der Industriestadt Mahiljou (russisch Mogiljow) entstand ein großes Kunstfaserkombinat, in Salihorsk (russisch Soligorsk), einer der neugegründeten Trabantenstädte, eines für die Verarbeitung der Pottasche zu Kunstdünger und in Nawapolazk (russisch Nowopolozk) eine riesige Ölraffinerie. 1958 eröffnete in Minsk die Fabrik für Rechenmaschinen MZVM, der erste Computer-Hersteller der Sowjetunion, der bis 1975 die eigenständige Klasse der „Minsk“-Mainframe-Computer baute. Mit dieser breit diversifizierten, auch technisch anspruchsvollen Produktion entwickelte sich Weissrussland zu einem der bedeutendsten Industriezentren in der UdSSR.  Das Bruttoinlandsprodukt übertrafen nur die baltischen Staaten.  Der Preis war jedoch eine hohe Abhängigkeit von der Sowjetunion als Lieferant der Rohstoffe, insbesondere von Kohle, Öl und Eisenerz, wie auch als Abnehmer von Fertigwaren, die nicht zuletzt vom russischen Militär geordert wurden. 

Grodno. Memel-Brücke der Petersburg-Warschauer Eisenbahn

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