Joseph Gutteridge (1816 – 1899)

Joseph Gutteridge steht für die Tradition, die eigene Bildung selbst in die Hand zu nehmen – eine Tradition, die im 19. Jahrhundert Arbeiter in ganz Europa pflegten. Bemerkenswert an seiner Karriere ist ihre europäische Dimension.

Sein Vater diente in der Britischen Armee zur Zeit der napoleonischen Kriege und ließ sich nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst in Coventry nieder. Joseph Gutteridge lernte bei ihm das Handwerk des Seidenwebers. Allerdings interessierte er sich mehr für die Konstruktions- und Arbeitsweise der Webstühle als für die Herstellung von Geweben. Er spezialisierte sich auf die Reparatur von Jacquard-Webstühlen, die 1820-21 in Coventry Einzug hielten. Bei dem Versuch, den Mechanismus eines defekten Webstuhls wieder in Gang zu bringen, stürzte er so unglücklich, dass er fortan teilweise behindert war. 1851 gewährte ihm sein Arbeitgeber eine Woche Urlaub zum Besuch der Londoner Weltausstellung, über die er schrieb: „Es war, als wäre eine der prächtigen Geschichten aus 1001 Nacht wahr geworden“.

Seit Mitte der 1850er Jahre entwickelte er ein zunehmendes Interesse für die Geologie und besuchte Eisenbahnbaustellen und Eisenerzsteinbrüche in Northamptonshire, um dort nach zu Tage geförderten Fossilien zu suchen. Wenig später geriet die Seidenweberindustrie im heimischen Coventry in eine schwere Krise. Ursache dafür war das nach einem britischen Unternehmer benannte Cobden-Abkommen von 1860, das die uneingeschränkte Einfuhr französischer Bänder erlaubte. Zusätzlich erhöhten die USA ihre Zölle und verringerten dadurch den Import britischer Waren. In dieser Situation erhielt Gutteridge den Auftrag, in einer der Fabriken von Coventry französische Webstühle aus St. Etienne einzuführen.

1867 gehörte er zu jenen vier britischen Arbeitern, die von der Royal Society of Arts (Königliche Gesellschaft zur Kunst- und Wirtschaftsförderung) beauftragt wurden, als offizielle Beobachter die Pariser Weltausstellung zu besuchen. Am 8. September 1867 reiste er von Coventry nach Paris und nutzte – einmal auf dem Kontinent – die Gelegenheit, sich anschließend in den Textilbetrieben von St. Etienne, Lyons, Genf, Basel und Rouen umzusehen. Drei Jahre später übertrug Thomas Stevens, Erfinder der auf Seidenpapier gedruckten Stevengraph-Postkarte, Gutteridge die Aufsicht über seine Produktpräsentation auf der Textilmesse in Great Horton bei Bradford. Dort führte er einen Webstuhl vor, der Seide in sechs verschiedenen Farben verarbeiten konnte. Während seines Aufenthaltes in Yorkshire studierte er überdies die Geologie des dortigen Kohlereviers, besuchte Textilfabriken wie die Manningham Mill in Bradford oder das Teppichwerk von Sir Francis Crossley in Halifax und machte einen Abstecher zur Low-Moor-Eisenhütte, deren Erzbunker er im Hinblick auf mögliche Fossilfunde durchkämmte.

Gutteridge arbeitete bis 1890 und veröffentlichte drei Jahre später seine Autobiografie unter dem Titel Light and Shadows in the Life of an Artisan (Licht und Schatten im Leben eines Handwerkers). Obwohl er Zeit seines Lebens ein Arbeiter blieb, erstreckten sich seine Interessen auf so unterschiedliche Wissensgebiete wie Musik, Astronomie und Botanik. Er selbst sah sein Denken beeinflusst von Robert Owen, Charles Darwin und den Ideen des Spiritualismus.

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