Leo Baekeland (1863 – 1944)

Leo Baekeland war ein belgischer Chemiker, dessen Forschungen die materielle Kultur des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt haben. Er besuchte die Universität von Ghent und setzte sein Chemiestudium in Großbritannien, den USA und an der Technischen Universität in Berlin-Charlottenburg fort.

1889 ließ er sich in den USA nieder. Seine erste größere Erfindung war das Velox-Fotopapier, das es ermöglichte, Schwarz-Weiß-Abzüge unter Einwirkung von künstlichem Licht zu entwickeln. Das Verfahren, dessen Rechte die Firma Eastman Kodak 1898 für teures Geld erwarb, bildete über weite Strecken des 20. Jahrhunderts die Grundlage der Fotografie sowohl im Profi- als auch im Amateurbereich. Später tat sich Baekeland mit Clinton P Townsend zusammen, um einen neuen Typ elektrolytischer Zellen zu entwickeln. Ziel der Unternehmung war die Produktion von Natronlauge und Chlor aus Wasser. Der Erfolg spiegelt sich in der Gründung der Firma Hooker Electrochemical Co. an den Niagara-Fällen.

Baekelands sicherlich folgenreichste Erfindung war Bakelite (Polyoxybenzylmethylenglycolanhydride), eine vielseitig einsetzbare Plastiksubstanz aus Phenol und Formaldehyd. Bakelite war der erste vollkommen synthetisch hergestellte und obendrein hitzebeständige Kunststoff der Welt. Den experimentellen Durchbruch erzielte Baekeland 1907. Zwei Jahre später wurde das Produkt der Öffentlichkeit vorgestellt. Der neue Kunststoff war bald nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Er verbarg sich in Radiogehäusen, Verteilerkappen, Telefonhörern, Elektrosteckern, Schmuck, Kameras, Aschenbechern, Federhaltern und vielen anderen für die Mitte des 20. Jahrhunderts charakteristischen Gebrauchsgegenständen.

Baekeland selbst brachte die Erfindung größtmögliche Unabhängigkeit. 1909 gründete er in den USA die General Bakelite Co. und verkaufte sie 1939 an den Chemie-Produzenten Union Carbide. Auch in Deutschland gründete er eine Fabrik, in Erkner außerhalb Berlins. Dort arbeitete er mit einer Firma zusammen, die Eisenbahnschwellen mit Teer beschichtete und als Nebenprodukt Phenol gewann. 1916 besuchte Baekeland England und machte den Elektroingenieur James Swinburne, dem er mit seinem Bakelite-Patent zuvorgekommen war, zum Vorsitzenden seines britischen Tochterunternehmens Bakelite UK.

Zu seinen privaten Vorlieben gehörte das Auto. Seine Begeisterung ging so weit, dass er 1906 eine Bahn brechende Autotour durch Europa unternahm. An sein mindestens ebenso Bahn brechendes Produkt Bakelite erinnert heute ein Museum in Somerset, England.