Europa Nostra Awards für Industriekulturstandorte

Gleich vier Bewerbungen aus dem Bereich Industriekultur haben in diesem Jahr den Europäischen Kulturerbepreis / Europa-Nostra-Preis gewonnen, die prestigeträchtigste Auszeichnung für Zeugnisse europäischer Kultur.

Zwei der Preisträger, beide in der Kategorie „Konservierung und Umnutzung“, sind ERIH-Standorte:

  • Historisches Bergwerk Ignacy in Rybnik, Polen: Verfall und Abriss einer der ältesten Zechen des Landes nach über 200 Jahren Betrieb? Das war für einen Teil der ehemaligen Bergleute des Standorts keine Option. Also gründeten sie einen Verein, überzeugten den Stadtrat von der Schutzwürdigkeit der Industrieanlage und erwirkten in einem fast 20-jährigen Prozess dessen Renovierung. Heute ist das ehemalige Kraftwerksgebäude eine Veranstaltungshalle, Besucher erkunden die interaktive Ausstellung "Zeitalter des Dampfes" in den Gebäuden des Kościuszko-Schachtes, und die über hundertjährige Dampfmaschine der Linke-Hofmann-Werke Breslau arbeitet wieder mit voller Kraft.
  • Shrewsbury Flaxmill Maltings, Shrewsbury, Großbritannien: Auch die Zukunft des symbolträchtigen Ziegelgebäudes der Flachsmühle und Mälzerei Shrewsbury stand jahrelang in den Sternen. Dabei handelt es sich um das erste Gebäude überhaupt, das mit einem tragenden Eisengerüst ausgestattet war und damit gemeinsam mit anderen Industriedenkmälern der Region den Beginn der massenhaften Verwendung von Eisen und Stahl markiert. Erst 2005, nach 18 Jahren Verfall, begannen erste Instandsetzungsmaßnahmen, die 2022 abgeschlossen wurden. 2015 öffnete ein interaktives Besucherzentrum, 2022 erweitert um die Ausstellung "The Mill", die einen Überblick über die Technik-, Architektur- und Sozialgeschichte des Objektes gibt.

Dritter Preisträger in der Kategorie „Konservierung und Umnutzung“ sind zwei einzigartige Kuppelbauten in der südostspanischen Sierra Espuña. Diese sogenannten Schneebrunnen dienten seit dem 16. Jahrhundert als Eisfabriken, in denen im Winter Schnee für die sommerliche Eisproduktion gelagert wurde. Der Einzug moderner Kältetechnik machte sie überflüssig. Lokale Bemühungen, ihren Verfall aufzuhalten, führten 2019 zur Erstellung eines Masterplans, der seither schrittweise umgesetzt wurde. Neben der Restaurierung der beiden Schneebrunnen umfasst er auch den Erhalt der umliegenden Gebiete, in denen der Schnee gesammelt wurde.

In die Kategorie „Heritage Champions“ fällt die Auszeichnung für Piotr Gerber und seine 2007 gegründete Stiftung zum Schutz des schlesischen Industrieerbes. Deren wichtigste Tätigkeit ist der Schutz ausgewählter, für Schlesien charakteristischer technischer Kulturdenkmäler, in der Regel durch die Umwandlung in ein Museum. Zu den fünf derzeit betriebenen Museen gehören auch zwei ERIH-Mitglieder: der Ankerpunkt Schlesisches Eisenbahnmuseum in Jaworzyna Śląska und das Zinkwalzwerk Walcownia in Katowice. Außerdem betätigt sich die Stiftung auf dem Gebiet der Erforschung und Vermittlung der schlesischen Industriegeschichte und bietet in diesem Zusammenhang Workshops und Bildungsveranstaltungen an.

Wir gratulieren allen Preisträgern herzlich zu ihrer Auszeichnung und hoffen, dass dadurch viele neue Besucher auf ihre Standorte und ihre Arbeit aufmerksam werden. Verliehen werden die Preise am 7. Oktober in Bukarest, Rumänien. Alle Preisträger haben darüber hinaus die Chance, eine der mit jeweils 10.000 Euro dotierten Grand-Prix-Trophäen bzw. den diesjährigen Public Choice Award zu gewinnen. Dessen Wahl ist öffentlich und online – eine gute Gelegenheit für die ERIH-Community, einen der vier oben vorgestellten Preisträger besonders zu fördern und dadurch Industriekultur insgesamt zu promoten.

European Heritage Awads / Europa Nostra Awards 2024
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