ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE DES VEREINIGTEN KÖNIGREICHS GROSSBRITANNIEN UND NORDIRLAND

Die Industrielle Revolution, die so viele rauchenden Schlote und rußgeschwärzten Arbeitersiedlungen nach Europa brachte, begann auf den Äckern der britischen Bauern. Im 18. Jahrhundert konnten sie ihre Erträge so steigern, dass die Ernährung des Landes langfristig gesichert war und die Grundbesitzer Kapital für neue Investitionen übrig hatten.

Auf dieser Basis entwickelte sich nach und nach die maschinelle Massenproduktion: Auf der ersten Spinnmaschine, der "Spinning Jenny" von 1765, drehten sich gerade mal 8 Garnspindeln, angetrieben von einem Wasserrad. Damals entstand in Cromford bei Nottingham die erste Textilfabrik - als dort 20 Jahre später eine Dampfmaschine aufgestellt wurde, schwirrten bald Zehntausende von Spindeln auf den Spinnmaschinen. Es dauerte noch einmal gut 20 Jahre, bis man die Garne maschinell weiterverarbeiten konnte: 1806 wurde in Manchester die erste große Maschinenweberei gegründet - die Grafschaft Lancashire war auf dem Weg zu einem boomenden Textil-Revier. Den Rohstoff, meist indische Baumwolle, holten die Fabrikanten über neue Kanäle aus dem nahegelegenen Hafen von Liverpool. Dort kam der Schiffbau in Bewegung - vor allem, seit man auf den Werften Eisen verarbeiten konnte.

Möglich wurde die Massenproduktion von Eisen mit der Entdeckung des Koks' im Jahr 1709 - dem zweiten Auslöser der Industrialisierung. Jetzt, da man Steinkohle in der Verkokung von den störenden Begleitelementen befreien konnte, standen der Eisenverhüttung nahezu unerschöpfliche neue Brennstoff-Vorräte offen. Nach und nach siedelten sich Eisenhütten im kohlereichen Mittelengland an, der Durchbruch kam jedoch erst, als eine neue Eisensorte das brüchige Roheisen ablöste: 1784 wurde der "Puddelofen" erfunden, in dem man durch Rühren der glühenden Schmelze ("to puddle") massenhaft schmiedbares Eisen erzeugen konnte. Das war der Stoff, aus dem Rohre und Maschinen geschmiedet wurden, Pflüge, Waffen und Vieles mehr: Über den Fluss Severn in der Kohleregion Shropshire wurde die erste Eisenbrücke gebaut, in Liverpool legte man eiserne Schiffe auf Kiel.

Doch wie die Textilfabriken wären auch die großen Eisenwerke nicht ohne die Dampfmaschine entstanden, den dritten Auslöser der neuen Epoche. Die ersten praxistauglichen Dampfmaschinen pumpten 1776 Grubenwasser aus tiefgehenden Bergwerken in Cornwall. Als es dann gelang, die Pumpbewegung des Kolbens in eine Drehbewegung umzusetzen, wurde die Dampfmaschine zum universellen Antriebsaggregat: Man setzte damit Webstühle und Spinnmaschinen ingang, blies heiße Luft in die Eisenschmelze der Hochöfen ein und erzeugte Antriebsenergie für Sägen, Mühlen und viele andere Fabriken.

Schließlich entstand, quasi als Summe aus Dampftechnik, Eisenverarbeitung und Kohleabbau, die Eisenbahn: Die erste Schienenstrecke, 1825 eröffnet, verband die Kohlebergwerke der Grafschaft Durham in Nordostengland mit dem Meer. Die gewaltigen Vorteile für den Gütertransport lösten eine "Eisenbahn-Manie" aus, die ihrerseits die Eisenproduktion antrieb, welche wiederum die Kohleförderung beschleunigte - das Schwungrad der industriellen Produktion kreiste immer schneller und fegte die althergebrachten Lebensverhältnisse weg.

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