ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON UNGARN

Die Interessen fremder Großmächte bestimmten lange Zeit die Wirtschaft Ungarns, beginnend mit der osmanischen Herrschaft im 16. Jahrhundert. Die Entwicklung verlief daher in einem schmerzhaften, ineffizienten Auf und Ab. Als um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Großbritannien Textilfabriken, Kohlezechen und Eisenhütten aus dem Boden schossen, fielen die Entscheidungen über die ungarische Wirtschaft in Wien. Die Habsburger Regenten versuchten mit den verbreiteten merkantilistischen Konzepten, die Wirtschaft ihres Reiches anzukurbeln. Dem ungarischen Landesteil ordneten sie die Rolle des Nahrungsmittelproduzenten zu. Manufakturen, die Vorläufer der Fabriken, entstanden kaum. Trotzdem blieb die Landwirtschaft Ungarns lange Zeit rückständig, da das flache Land bis weit ins 20. Jahrhundert durch die Kluft zwischen Großgrundbesitzern und einer Masse von Kleinbauern geprägt war, die sich von ihren Parzellen kaum ernähren konnten.

So löste das Bevölkerungswachstum, das im 19. Jahrhundert auch Ungarn erfasste, auf dem Land weithin Armut und Arbeitslosigkeit aus. Auch die Befreiung der Bauern von der Untertänigkeit unter den Grundherrn nach der Revolution von 1848 bewirkte keine Produktivitätssteigerung. Zu den wenigen Industriepionieren der Epoche zählt der Schweizer Eisengießer Abraham Ganz, der in Budapest ein innovatives Unternehmen aufbaute, das anfangs Eisenbahnräder, bald Turbinen und dann auch Elektrofahrzeuge herstellte. Eine wirtschaftliche Belebung setzte langsam ein, als das Land 1867 mit der Gründung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn größere Eigenständigkeit erhielt. Budapest entwickelte sich nun zu einer boomenden Metropole und neue Eisenbahnstrecken verbesserten den Warentransport.

Mit dem industriellen Aufschwung in den österreichischen Kernländern entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch in Ungarn immer mehr Fabriken. Aufgrund der landwirtschaftlichen Prägung dominierte die Nahrungsmittelindustrie, wobei sich die Mehlfabriken in Budapest konzentrierten. Holzverarbeitende Betriebe und Hüttenwerke expandierten ebenfalls, Maschinenbau-Unternehmen siedelten sich im Umland der Hauptstadt an. In Györ begann gegen Ende des Jahrhunderts die Firma Rába mit der Herstellung von Eisenbahnwagen und bald auch Autos. 1911 gründete Manfréd Weiss im Budapester Stadtteil Csepel sein gleichnamiges Stahlwerk, aus dem sich ein mächtiger Rüstungskonzern entwickelte.

Obwohl noch immer überwiegend agrarisch geprägt, schien die ungarische Wirtschaft den Rückstand auf Westeuropa langsam aufzuholen. Doch die radikale Neuordnung Südosteuropas nach dem Ersten Weltkrieg machte dem Aufschwung ein Ende: Ungarn wurde von Österreich abgetrennt, das Staatsgebiet auf ein Drittel seiner früheren Größe reduziert. Die Folgen trafen das Land noch härter als die anderen, neu zugeschnittenen Staaten Osteuropas: Da die Rohstoffvorkommen nun jenseits der Grenzen lagen, insbesondere Eisen und Kohle, brach die Produktion ein. Zugleich rissen alte Handelsverbindungen ab. Der ohnehin schwache Binnenmarkt konnte keinen Ausgleich schaffen. Hinzu kamen die eklatante Abhängigkeit von ausländischem Kapital und die anhaltende Arbeitslosigkeit auf dem Land.

Bis zum Zweiten Weltkrieg erreichte die Industrie das frühere Niveau nicht wieder, zumal 1929 auch noch die Weltwirtschaftskrise ausbrach. Bei traditionellen Produkten wie Landmaschinen und Eisenbahnwagen waren ungarische Fabriken aufgrund hoher Kosten nicht konkurrenzfähig. Neue Branchen wie Chemie, Elektrotechnik und Telekommunikation wuchsen nicht schnell genug. Für einen Lichtblick sorgte die Entdeckung von Bauxit, dem Schlüsselrohstoff für die Aluminiumherstellung, die zur Errichtung großer Werke um Veszprém führte, finanziert durch deutsches Kapital.

Diese Entwicklung setzte sich während des Zweiten Weltkriegs fort: Die ungarische Wirtschaft boomte, insbesondere in den Branchen Rüstung, Chemie und Elektrotechnik, aber nur dank der Finanzierung durch das nationalsozialistische Deutschland. Es war praktisch schon die Vorstufe für die umfassenden Nationalisierungen, die die sozialistischen Regierungen nach Kriegsende nach sowjetischen Vorgaben durchsetzten. Immerhin konnten sie durch den von der UdSSR diktierten massiven Ausbau der Schwerindustrie endlich eine Perspektive für die zahllosen Arbeitslosen auf dem Land schaffen. Die Produktion von Stahl, Maschinen und Kunstdünger schnellte sprunghaft nach oben. Da die einseitigen Investitionen jedoch zu Lasten der Landwirtschaft und der Warenproduktion gingen, begann die Regierung Kádár ab 1956, im „ungarischen Modell“ marktwirtschaftliche Elemente in die Planwirtschaft zu integrieren, um die Versorgung der Bürger zu verbessern. In den sechziger Jahren hatte sich Ungarn dann zu einer urban geprägten Industriegesellschaft gewandelt.

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