ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE DER SCHWEIZ

Die Voraussetzungen schienen schlecht: Die Schweiz verfügt kaum über die klassischen Rohstoffe Kohle und Eisen und das gebirgige Terrain macht eine einträgliche Landwirtschaft weithin unmöglich. Aus eben diesen Gründen hatte sich jedoch im 18. Jahrhundert bereits ein vielfältiges, export-orientiertes Gewerbe etabliert, zudem sorgte das europaweite Bevölkerungswachstum auch in der Schweiz für einen Überschuss an Arbeitskräften. So gelang dem kleinen Alpenland ein erstaunlich guter Start in die Industrialisierung.

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts begannen in Sankt Gallen, dem alten Zentrum der Leinwandherstellung, importierte englische Spinnmaschinen zu rattern. Da Napoleons „Kontinentalsperre“ die Einfuhr der billigeren und besseren britischen Baumwolle verhinderte, öffneten bald weitere Spinnereien und Webereien, besonders um Zürich. Anders als im Mutterland der Industrialisierung wurden sie nicht mit kohlegefeuerten Dampfmaschinen, sondern mit Wasserkraft betrieben. Da viele Heimarbeiter der Konkurrenz der Fabriken nicht standhalten konnten, spezialisierten sie sich auf die Bedruckung von Textilien mit farbigen Mustern, auf Seidenherstellung und Stickerei. Dank solcher Nischenprodukte, zu denen auch die Uhren-Herstellung und die maschinelle Produktion von Schokolade zählten, florierte die Schweizer Wirtschaft.

Obwohl weitere Textilfabriken entstanden und auch Uhrengehäuse bald in Massenproduktion gefertigt wurden, breitete sich die Industrie insgesamt nur langsam aus. Viele der hochwertigen Güter stammten nach wie vor aus Handarbeit, denn an Arbeitskräften herrschte kein Mangel und Unternehmer konnten niedrige Löhne zahlen, weil viele Menschen nebenbei in der Landwirtschaft arbeiteten. Wie wichtig der Agrarsektor für das Land noch war, zeigt das dramatische Ausmaß der drei Hungerkrisen im 19. Jahrhundert.

Etwa ab 1850 diversifizierte sich die Industrie: Da Schweizer Ingenieure eigene Spinn- und Webmaschinen anstelle der britischen konstruierten, entstand der Maschinenbau, aus dem Bleichen und Färben der Kleidungsstücke entwickelten sich Chemie-Werke. Die Entwicklung erfasste vor allem den städtisch geprägten Bogen von Genf über Basel und Zürich bis Sankt Gallen am Bodensee: Die lange führende Maschinenfabrik Escher Wyss etwa stand in Zürich, die Gießerei Sulzer gleich nebenan in Winterthur und die Firma Saurer produzierte Stickmaschinen und später Lastwagen am Bodensee in Arbon. Das Mittelland und die Alpenkantone im Süden dagegen blieben noch lange landwirtschaftlich geprägt.

Einen entscheidenden Schub löste die politische Einigung des Landes aus, die ab 1848 schrittweise zur Gründung des Bundesstaates 1874 führte. Nach und nach wurden die Binnenzölle aufgehoben, die Währung und die Maßeinheiten vereinheitlicht. Das Bildungswesen bekam Impulse, als neben die Universitäten in Basel und Zürich neue Hochschulen in Bern, Genf, Freiburg und Lausanne traten, nicht zu vergessen das „Eidgenössische Polytechnikum“, aus dem die angesehene ETH Zürich hervorging. Erst 1869 begann der Eisenbahnbau, der in dem gebirgigen Land anspruchsvoll und entsprechend teuer war, mit der Gotthardstrecke, dem Simplontunnel und der Berninabahn aber technische Höchstleistungen hervorbrachte.

Basis der „Zweiten Industrialisierung“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren Fortschritte in der Energiegewinnung. Statt die Wasserkraft mechanisch zu nutzen, erzeugte man nun Strom damit: 1881-82 bauten die Städte Lausanne und St. Moritz die ersten Elektrizitätswerke, um ihre Straßen zu beleuchten. Am „Moserdamm“ oberhalb des Rheinfalls errichtete Schaffhausen ein großes E-Werk, weitere Staudämme, Kraftwerke und Hochspannungsleitungen folgten. Bald hatte die Schweiz eine herausragende Stellung in der Elektrotechnik erreicht, einer der Schlüsseltechnologien dieser Phase der Industrialisierung. Ein prominentes Beispiel dafür ist der 1891 in Baden gegründete Konzern Brown, Boveri und Compagnie.

Parallel entwickelten sich die großen chemischen Werke rund um Basel zu Pharmaproduzenten. Mit der Firma Sandoz, der „Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel“, kurz CIBA, und dem Unternehmen Hoffmann-La Roche entstand in den letzten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts das bekannte Chemie-Zentrum am Oberrhein. Da auch die Städte expandierten und die Bauwirtschaft boomte, verkehrte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in ihr Gegenteil: Die Löhne stiegen und die Arbeitskräfte wurden knapp. Die Schweiz, wegen der prekären Bedingungen in der Landwirtschaft traditionell ein Auswanderungsland, war ab den 1880er Jahren auf Einwanderung angewiesen.

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