ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON PORTUGAL

Portugal war innerhalb Europas lange isoliert: Sowohl durch seine Lage am westlichen Rand des Kontinents als auch durch eine Politik, die sich mehr auf die rohstoffreichen Kolonien stützte als auf den Austausch mit benachbarten Nationen. Langfristig waren die Folgen fatal, weil es - ähnlich wie im benachbarten Spanien – nicht gelang, die Wirtschaft umzustrukturieren, als ab Mitte des 18. Jahrhundert der Goldstrom aus Südamerika abebbte.

Der Marquis de Pombal, damals „Erster Minister“, versuchte zwar, gegenzusteuern: Er gründete eine der ersten Handelshochschulen Europas, beschnitt den Einfluss von Großgrundbesitzern aus Adel und Kirche und richtete 1758 die Königliche Seidenmanufaktur ein. Private Glas- und Eisenwarenbetriebe sowie Wollmanufakturen folgten. Doch in der Landwirtschaft war an Modernisierung nicht zu denken: Im Süden von erzkonservativen Großgrundbesitzern beherrscht, im Norden in der Hand zahlloser Kleinbauern, die am Rande des Existenzminimums wirtschafteten, blieb die Produktivität niedrig. Profite fielen nicht ab, so dass sich kein nennenswerter Binnenmarkt bildete und Investitionskapital fehlte. Um so härter traf es das Land, als sich Brasilien, die bedeutendste Kolonie, 1822 für unabhängig erklärte.

Da Portugal zudem kaum über Bodenschätze verfügt, bildeten sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nur wenige industrielle Inseln auf der Basis einheimischer Rohstoffe: Am erfolgreichsten war die Textilproduktion, insbesondere die Herstellung von Wollstoffen in Covilha. Im Bergbau sind die Wolfram-Minen bei Fundão zu nennen, daneben expandierten Tabak- und Korkverarbeitung, Papier-, Keramik- und Glasherstellung. Ab Mitte des Jahrhunderts wurde ein Eisenbahnnetz aufgebaut: 1864 rollten die ersten Züge zwischen Lissabon und Porto, 1866 folgte eine Verbindung nach Spanien. Da sich die neuen Industrien überwiegend in der Hauptstadt und im Umland von Porto ansiedelten, entstanden auf dem Land keine neuen Arbeitsplätze. Die Bevölkerung wuchs jedoch dramatisch an, und Zehntausende mussten sich für die Auswanderung entscheiden.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieb die Landwirtschaft das Rückgrat der portugiesischen Ökonomie. Dank verbesserter Anbaumethoden und schrittweiser Mechanisierung stieg die Produktion an, Wein, Obst und Kork gingen in den Export, doch Getreide musste weiterhin eingeführt werden. Für eine Industrialisierung fehlten qualifizierte Arbeitskräfte und Kapital. Als Hemmnis erwies sich auch, dass der portugiesische Außenhandel seit langem von Großbritannien beherrscht wurde: Ähnlich wie die portugiesische Wirtschaft die Kolonien als Absatzmärkte und Rohstofflieferanten nutzte, exportierte das Vereinigte Königreich nach Portugal technisch fortgeschrittene Industriegüter und bezog von dort Agrarprodukte.

Die isolationistische Politik der diktatorischen Regierung Salazar zwischen 1932 und 1968 brachte lange keine Fortschritte, denn der ehemalige Ökonomieprofessor setzte erneut auf die Ausbeutung der Kolonien. Er konnte jedoch den notorisch defizitären Staatshaushalt ausgleichen und die Währung stabilisieren. Da zudem die Lohnkosten niedrig lagen, wurde Portugal für ausländische Investoren attraktiv. Als sich der Diktator im Lauf der sechziger Jahre auf eine Öffnung einließ, setzte die verspätete Industrialisierung ein. Der Stahlkonzern Siderurgia Nacional expandierte, bei Lissabon baute „Lisnave“ neue Werften, „Setenave“ im nahegelegenen Setúbal. Papierfabriken, Unternehmen der Petrochemie und der Elektrotechnik entstanden. Die Wirtschaft blieb von einer kleinen, mit den Großgrundbesitzern verschwisterten Elite weniger Familien dominiert, vollzog aber endlich den Strukturwandel.

Nachdem die „Nelkenrevolution“ von 1974 die Diktatur beseitigt hatte, brach sich das aufgestaute Bedürfnis nach sozialer Veränderung Bahn. Im agrarischen Süden wurden zahllose Latifundienbarone enteignet, Genossenschaften übernahmen den Betrieb. Die Regierung in Lissabon ließ nach und nach die Schlüsselbetriebe und die Banken verstaatlichen. Doch das sozialistische Experiment war von kurzer Dauer. Produktivitätseinbrüche in der Agrarwirtschaft boten den alten Eliten einen Hebel, um die meisten Landenteignungen rückgängig zu machen. Da die Regierung die Löhne erhöht und zugleich die Stellen in der Verwaltung massiv aufgestockt hatte, um die neuen staatlichen Aufgaben zu bewältigen, bildete sich im Staatshaushalt bald wieder ein tiefes Loch. Schon 1976 setzte eine Austeritätspolitik mit Lohnkürzungen ein und in den nächsten Jahren folgte die Reprivatisierung der meisten Industriebetriebe. 1986 gelang es Portugal dann, die Kriterien für einen Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft zu erfüllen und die allzu lange Epoche der Isolation endete.

Weiterführender Link
ERIH Link-Liste