ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON NORWEGEN

Norwegen war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein vorindustrielles, verkehrsmäßig kaum erschlossenes Land. 90 Prozent der Bevölkerung lebten als sich selbst versorgende Fischer und Bauern. Fischerei war über Jahrhunderte Haupterwerbszweig des Landes. Nordsee und Nordatlantik waren reich an Heringen. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Heringsfang in großem Stil betrieben wurde, entwickelte sich die Fischverarbeitung, besonders von Sprotten, zu einem bedeutenden Industriezweig. Mehr als die Hälfte aller Einwohner von Stavanger beispielsweise war um 1900 in der Fischkonservenindustrie beschäftigt. Heute sind – nach Jahrzehnten der Überfischung – nur noch unter 1 Prozent der Erwerbstätigen in der Fischerei und Fischzucht tätig.

Die frühen Fabriken produzierten Seife, Ziegel, Glas, Eisenöfen oder Bier. Sie waren meist klein, die Produktionsmengen überschaubar, die Ausrüstung sehr einfach. Industriebetriebe neuen Typs entstanden in den 1850er – 1870er Jahren. Sie stellten Massenartikel aus norwegischen Rohstoffen her. Als erstes wurden Textilfabriken gebaut. Kapitalstarke Bürger errichteten Spinnereien und Webereien in den Gegenden um Kristiana (Oslo) und Bergen. Dann folgte die Metallindustrie mit mechanischen Werkstätten, Maschinenfabriken, Walzwerken und Werften. Die Holzveredelungsindustrie gewann an Bedeutung. Neue Straßen, Eisenbahnen und Kanäle verbesserten den Transport.

Für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes waren die Erzeugung von Elektrizität durch Wasserkraft – der „weißen Kohle" - und der massive Ausbau der Technologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von überragender Bedeutung. Norwegen ist das Land mit dem größten Wasserkraftpotenzial in Europa. Zwischen 1890 und 1900 wurden die ersten elf Wasserkraftwerke errichtet, heute sind es über 600. Und im November 2009 ging das weltweit erste Osmose-Kraftwerk, das den bei der Vermischung von Süß- und Salzwasser entstehenden Druck zur Energieerzeugung nutzt, in Hurum am Oslofjord in Betrieb.

Bald war die industrielle Nutzung für die billig und massenhaft zur Verfügung stehende Energie gefunden, neue Industriezweige entwickelten sich: Elektrochemie und Elektrometallurgie. Sie lieferten Energie schluckende Produkte wie Calciumkarbid, Zink, Zinn, Stahl, Nickel, Kupfer, Ferrosilizium und Düngemittel. Rund um die Kraftwerke und Fabriken wuchsen neue Industrieorte wie Rjukan, Notodden, Tyssedal oder Eydehavn. Die Herstellung von Aluminium und Magnesium entwickelten sich zu Eckpfeilern der norwegischen Wirtschaft. Das Land gehört bei diesen Produkten zu den größten Herstellern der Welt.

Im Gegensatz zu früher spielen der Bergbau und das Verhüttungswesen heute nur noch eine bescheidene Rolle in der Wirtschaft des Landes. Bereits 1623 wurden in Kongsberg reiche Silberfunde gemacht. Kupfer wurde in verschiedenen Regionen abgebaut. Das größte Unternehmen dieser Art war das in Røros. Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich Nordnorwegen zur wichtigsten Bergbauregion des Landes. Zu nennen sind der Eisenerzbergbau in Sør-Varanger und in Rana. Steinkohle wird (seit 1904) auf Spitzbergen abgebaut.

Als 1969 bei dem später Ekofisk genannten Bohrloch 300 km südwestlich vor Stavanger in der Nordsee Öl gefunden wurde, hatte dies eine ebenso große innovative Schubkraft wie die Wasserkraft gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Nach Ekofisk wurden weitere Erdöl- und Erdgasfelder erschlossen. Norwegen wurde zum Ölland und verwandelte sich zu einem der reichsten Länder der Erde. Und man setzte Zeichen: 1972 richteten die Norweger das weltweit erste Umweltministerium ein.

Rund ums Erdöl entstanden Hight-Tech-Industrien von internationalem Rang. Die Liste ihrer Produkte ist lang, sie reicht von Kommunikationssystemen über Heizsysteme und Transformatoren bis zu Ölbohrinseln.

Nach: Klippfisch, Öl und weiße Kohle: Industriekultur in Norwegen / Vera Steinborn; Michael Funk. (Schriften / LWL-Industriemuseum; 24 - Essen: Klartext-Verlag ISBN 3-88474-952-8)

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