ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE DER NIEDERLANDE

Die Industrialisierung der Niederlande ging nicht mit den rauchenden Schloten einher, die in Großbritannien, Belgien und später auch in Deutschland so prägend waren. Mitte des 18. Jahrhunderts war Amsterdam immer noch ein wohlhabendes Handels- und Finanzzentrum, die Landwirtschaft verdiente an Kartoffeln, Blumen und Käse, während Gewerbe wie Schiffbau und Fischerei zurückgingen. Eine schwere Krise erlebte vor allem die alte Textilregion um Leiden, Delft und Haarlem: Gegen die Konkurrenz der britischen Maschinen-Spinnereien konnten sich nur hochspezialisierte Branchen wie die Seidenweberei halten.

Die neuen Technologien aus Großbritannien verbreiteten sich nur sehr langsam. Seit langem hatten Niederländer eine ausgefeilte Wasserbau-Technik entwickelt, um das tiefliegenden Land mit Deichen und Kanälen vor Überschwemmungen zu schützen und aus dem Meer neue Ackerflächen zu gewinnen. Die Pumpwerke wurden traditionell durch Windmühlen angetrieben, manchmal durch eine ganze Reihe Mühlen hintereinander. Erst Mitte des 19. Jahrhundert stieg man auf Dampfkraft um - besonders eindrucksvoll bei der Trockenlegung des Haarlemmer Meeres, wo ein Pumpwerk mit dem größten Dampfzylinder seiner Zeit ausgestattet wurde, hergestellt von einer Eisengießerei aus Cornwall.

Nach 1860 setzte sich langsam, aber unausweichlich die Industrialisierung durch. Neue Textilfabriken entstanden in Nordbrabant, auch unter dem Einfluss des hochentwickelten Nachbarlandes Belgien, und in der Region Twente. Der Amsterdamer Hafen wurde durch einen neuen Kanal direkt mit der Nordsee verbunden, Rotterdam erhielt seinerseits den "Nieuwe Waterweg", der einen profitablen Transithandel mit den Eisenhütten und Kohlezechen des Ruhrgebiets ermöglichte. Da das Land von so vielen Wasserwegen durchzogen ist, war der Bau von Eisenbahnen wenig rentabel und man bevorzugte für den Güterverkehr weiterhin Binnenschiffe.
 
In Süd-Limburg, im südlichsten Zipfel des Landes, wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts Steinkohlebergwerke gegründet, doch die Schwerindustrie blieb eine Randerscheinung - entsprechend teuer waren Kohle und Stahl, so dass die Mechanisierung nur langsam zunahm. Man veredelte stattdessen Produkte der Landwirtschaft, baute neue Brennereien und Brauereien, erzeugte Zucker und Margarine, und exportierte Butter, Käse und Schweinefleisch nach Großbritannien. Aus der Herstellung von Spezialprodukten entwickelten sich dann auch die Firmen, die mittlerweile zu den Weltkonzernen zählen: Die "Bataafsche Petroleum Maatschapij" aus Rotterdam, die Öl aus den Kolonien verarbeitete, heißt heute Royal Dutch/Shell. Aus einer Fusion des Groninger Farbenproduzenten Sikkens, des Kunstseideherstellers Enka und anderer Firmen bildete sich der Chemie- und Pharma-Konzern Akzo Nobel, und aus einer Glühbirnen-Fabrik in Eindhoven entstand das Elektronik-Unternehmen Philips.

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