ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON FRANKREICH

Die Industrialisierung Frankreichs verlief so eigenwillig, dass man sich lange fragte: Hat dort überhaupt eine „Industrielle Revolution“ stattgefunden? Eine Ursache ist, dass in den Böden der „Grande Nation“ einfach nicht so große, gut zugängliche Vorräte an Steinkohle und Eisenerz ruhen wie etwa in Großbritannien oder Belgien. Vor allem Steinkohle war immer knapp, so dass man sich noch erstaunlich lange auf Holzkohle stützte. Hinzu kommt, dass die französische Landwirtschaft so gut funktionierte: Die Revolution von 1789 befreite die Bauern von Schulden und Abgaben, so dass sie als Familienbetriebe vergleichsweise sicher existieren konnten. Folge: Es fehlten sowohl die Arbeitskräfte als auch die Überschüsse, von denen besonders in Großbritannien die Industrielle Revolution angetrieben wurde.

In Frankreich existierte im 18. Jahrhundert jedoch eine Vielfalt hoch entwickelter Gewerbe, die oft auf die Ansprüche des Adels aus dem Ancien Régime zurückgingen: Möbel und Porzellan, Lederwaren und Seide wurden in großem Stil gefertigt, französische Uhren galten lange als die präzisesten. Der erste, der Tuche auf Nähmaschinen verarbeiten ließ, war ebenfalls ein Franzose: Barthélemy Thimonnier hatte allerdings kein Glück damit, denn 1830 zerschlugen empörte Schneider seine Pariser Produktionsanlagen.

Die Industrialisierung setzte zögerlich ein, nicht zuletzt gefördert durch staatliche Maßnahmen nach der Revolution von 1789: Die Einführung des Code Civil ging einher mit der Aufhebung der alten Zunft-Beschränkungen und der Binnenzölle, eine stabile Währung wurde geschaffen, die Banque de France gegründet. Der Staat engagierte sich im Bau von Straßen und Kanälen.

Frankreich blieb aber bis weit ins 20. Jahrhundert agrarisch geprägt, denn die großen neuen Industrieanlagen konzentrierten sich in einzelnen Regionen vor allem im Norden und Osten des Landes. Um 1830 hatten sich drei Zentren der Baumwoll-Spinnerei etabliert: um Rouen in der Normandie, zwischen Lille und Roubaix im Norden und die modernsten im Elsass. In Mühlhausen entwickelte sich daraus ein leistungsfähiger Maschinenbau, der schließlich Spinnmaschinen und Webstühle nach ganz Europa exportierte.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in der Region Pas-de-Calais ein intensiver Kohlebergbau. Das andere große Revier lag in Lothringen. Dort profilierten sich mehrere Generationen der Industriellen-Familie De Wendel, die neben Kohlenzechen auch Eisenhütten betrieben und sich für die neuen Techniken aus England engagierten: Frühzeitig führten sie etwa die Dampfmaschine und den „Puddelofen“ ein, der die Eisenqualität dramatisch verbesserte.

Das berühmteste Eisenwerk Frankreichs dürfte aber Le Creusot sein. 1784 eine der großen staatlichen Gründungen wie die repräsentativen Salzwerke und Glasmanufakturen, gewann es erst Bedeutung, als der Industrielle Eugène Schneider es 1836 übernahm: Zu diesem Zeitpunkt nahm Frankreichs Industrialisierung richtig Fahrt auf – nicht zuletzt dank des beginnenden Eisenbahn-Baus. In Le Creusot wurde bald die erste französische Lokomotive konstruiert und die Schneider-Familie begründete mit der Produktion von Schienen und Waffen ein Imperium.

Wie stark der Einfluss des Ancien Régime noch war, zeigte sich bei der Einführung des Autos am Ende des Jahrhunderts. Dieses Luxusgut wurde vor allem von Angehörigen des Adels und der Hochfinanz in Paris gekauft. Französische Firmen sorgten dafür, dass die Erfindung sich überhaupt verbreitete, denn Unternehmen wie Peugeot, Panhard et Levassor und bald auch Renault bauten und verkauften Autos in weit größeren Zahlen, als die kleinen Erfinderwerkstätten in Deutschland es konnten. Sie bedienten auch die Wohlhabenden auf dem wichtigen britischen Markt und entwickelten sich schließlich mit Autos für Jedermann zu bis heute führenden Herstellern.