ZUR INDUSTRIEGESCHICHTE VON DÄNEMARK

Nicht viele Staaten schafften es, die Industrialisierung erfolgreich als Agrarland zu bewältigen. Die meisten europäischen Länder, die weiter von Ackerbau und Viehzucht abhängig waren, als anderswo Kohleminen, Eisenwerke und Textilfabriken aus dem Boden schossen, verarmten: Ungarn, Spanien und Griechenland etwa. Dänemark dagegen entwickelte sich zu einem wohlhabenden Agrarland – und das Verblüffende ist: Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, waren die Dänen vor der Industriellen Revolution schon ebenso wohlhabend.

Vielleicht liegt darin auch eine Erklärung für den außergewöhnlichen dänischen Weg: Schon in der Frühen Neuzeit verfügten dänische Bauern über relativ große Grundflächen und einen bescheidenen Wohlstand. Und da dem Land nicht nur die klassischen Rohstoffe Kohle und Eisenerz, sondern auch andere Ressourcen wie Holz oder Wasserkraft fehlen, war die Landwirtschaft ein entscheidender Faktor. Die Krone unterstützte denn auch die selbständigen Bauern, in denen sie eine solide Basis ihrer Steuereinnahmen sah, und hob in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die feudalen Verpflichtungen und Abgaben der Landwirte auf. Zugleich kam es zu massiven Landverkäufen der Großgrundbesitzer, so dass die meisten freien Bauern über Flächen verfügten, auf denen eine effiziente Produktion möglich war. Dänemark wurde dadurch zu einem bedeutenden Getreide-Exporteur.

Weil die Einnahmen daraus nicht an Großgrundbesitzer flossen wie in vielen Agrarländern, sondern an die breite Schicht selbständiger Landwirte, regten sie die Binnenkaufkraft an und förderten die Entwicklung von Handel und Handwerk. So war die florierende Landwirtschaft auch in der Lage, den massiven Bevölkerungszuwachs des 18. und frühen 19. Jahrhunderts aufzufangen.

Dass die Bauern bereit waren, sich an wechselnde Marktlagen anzupassen und Innovationen zu übernehmen, hing auch mit dem hohen Bildungsstand der dänischen Bevölkerung zusammen. Bereits 1814 wurde die Allgemeine Schulpflicht eingeführt, 1844 setzte die Volkshochschul-Bewegung des Pfarrers und Pädagogen Nikolai Grundtvig ein, die weite Teile Skandinaviens erfasste, und ab 1860 folgten Landwirtschaftsschulen.

1849 begann mit der Einführung der konstitutionellen Monarchie eine umfassende Liberalisierung. Eigentumsrechte wurden garantiert, Vertrags- und Vereinigungsfreiheit eingeführt. Abgeschafft wurden Wirtschaftshemmnisse wie die Privilegien der Zünfte und der Öresund-Zoll, der die Schifffahrt durch die Meerenge zwischen Dänemark und Schweden verteuert hatte. Die Politik offener Märkte wurde auch fortgesetzt, als Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund sinkender Transportkosten eine Woge billigen Übersee-Getreides Europa überschwemmte: Dänemark verzichtete darauf, Zollschranken einzuführen. Stattdessen wechselten die Landwirte relativ schnell vom Getreideexport zur Ausfuhr tierischer Produkte, insbesondere von Butter, Speck und Eiern – was sich als erstaunlich nachhaltig erwies.

Eine wichtige Rolle spielten dabei die Kooperativen, die die Bauern seit 1882 im ganzen Land gegründet hatten. Die großen, genossenschaftlich betriebenen Schlachtereien und Molkereien produzierten effizienter als der einzelne Landwirt und garantierten gleichbleibende Qualität – was die Exporte förderte: England bezog damals ein Drittel seiner Butter aus Dänemark! Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs machten Agrarprodukte dann 60% der dänischen Exporte aus, Industriegüter nur 10%.

Die Veredelung landwirtschaftlicher Produkte führte zum Aufbau einer agrartechnischen Spezialindustrie: Wegweisend war die Erfindung einer kontinuierlich arbeitenden Zentrifuge zur Entrahmung der Milch, die Lars Christian Nielsen 1878 in der Maglekilde-Maschinenfabrik in Roskilde gelang. In den Labors der Kopenhagener Carlsberg-Brauerei entdeckte der Botaniker Emil Christian Hansen die Vielfalt unterschiedlicher Hefe-Stämme und entwickelte ein Verfahren, um aus einer Zelle der gewünschten Sorte die gesamte Hefe für den Brauprozess zu züchten.

Ab den 1890er Jahren entwickelte sich eine klassische Industrieproduktion. Kopenhagen wurde mit Eisenhütten, Textilfabriken und rasant wachsenden Arbeiterquartieren zu ihrem unumstrittenen Zentrum. Bald lebte rund ein Drittel der Dänen in Städten, denn auch in der Provinz entstanden neue Werke: Neben der Lebensmittelproduktion zählten dazu die Zementfabriken in Aalborg, der Eisenbahnbau in Randers sowie Papiermühlen und kleinere Schiffswerften. Dennoch beschäftigte die dänische Industrie erst in den 1950er Jahren mehr Arbeitskräfte als die Landwirtschaft.