Margarete Steiff (1847 – 1909)

Das Leben der Margarete Steiff ist eine Geschichte heldenhafter Triumphe über Körperbehinderungen. Zudem spiegelt es einen bedeutenden Abschnitt der europäischen Industriegeschichte, die in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts eine zunehmende Tendenz verriet, Konsumgüter im großen Stil industriell zu fertigen.

Margarete Steiff kam in Giengen an der Brenz zur Welt, rund 32 Kilometer nordöstlich von Ulm. Ihr Vater verdiente sein Geld als Maurermeister. Mit 18 Monaten erkrankte sie an Kinderlähmung mit dem Resultat, dass beide Beine gelähmt blieben und sie den rechten Arm nur eingeschränkt bewegen konnte. An der Schule in Giengen beeindruckte sie die Lehrer durch ihre Fröhlichkeit und die ausgeprägte Fürsorge kleineren Kindern gegenüber. 1856 ging sie für eine Heilbehandlung, die sich schließlich als vergeblich herausstellte, nach Ludwigsburg und Wildbad. Der Aufenthalt weckte in ihr eine Reiselust, die ihr ganzes Leben lang anhielt. Als Jugendliche besuchte sie Verwandte in Stuttgart, Augsburg, Lindau und anderen Städten Süddeutschlands.

Sie fing an zu nähen und entwickelte sich zu einer zwar langsamen, aber hochbegabten Schneiderin. Mit ihren beiden Schwestern nutzte sie eine Schneiderei, die ihr Vater eigens zu Hause eingerichtet hatte, und arbeitete dort mit der allerersten Nähmaschine, die Giengen erreichte. 1877 folgte sie dem Vorschlag des örtlichen Filzproduzenten Adolf Glatz und verlegte sich auf die Herstellung von Petticoats aus Filz und auf Kinderjacken, die durch einen Zwischenhändler in Stuttgart verkauft wurden. Sie schuf eine Reihe von Filzelefanten, für die sie eine Vorlage aus einer Zeitschrift benutzte, und verschenkte sie zu Weihnachten 1880. Danach wandte sie sich mehr und mehr der Produktion von Filzspielzeug zu, was damals eine Neuheit war. Ein Teil davon fand 1883 den Weg in eine Ausstellung in Stuttgart.

1888 übernahm ihr Bruder Fritz den Maurerbetrieb des Vaters und errichtete für sie geeignete Räumlichkeiten in der Mühlstraße, seit 1893 eingetragen als Margarete Steiff Filzwarenfabrik Giengen/Brenz.

1892 veröffentlichte sie einen Warenkatalog, und schon zwei Jahre später belieferte sie Firmen in Berlin und im Ausland. Die weitere Entwicklung des Betriebs verdankt sich im Wesentlichen dem Engagement ihres Neffen, eines von sechs Söhnen von Fritz Steiff. Er hatte in England studiert und die Kunstschule in Stuttgart besucht, wo er besonderen Gefallen daran fand, Zootiere zu zeichnen. Er war es schließlich auch, der 1903 die Errichtung einer neuen Fabrik betrieb. Sie bestand aus einem Stahlskelettbau mit gläsernen Blendwänden, endete in einem Flachdach, und ihre drei oberen Stockwerke ruhten auf durchbrochenen Säulen. Das Gebäude gilt als eine der frühen Errungenschaften des Neuen Bauens, wie es etwa der Deutsche Werkbund propagierte. Die Fabrik verfügte über eine Rampe, auf der Margarete Steiff mit ihrem Rollstuhl überallhin gelangen konnte.

Bereits 1902 hatte Richard Steiff einen mit Gelenken versehenen Bären entworfen, der sich rasch als großer kommerzieller Erfolg entpuppte. Hermann Berg von New York Toy Co. kaufte 1903 auf der Leipziger Messe gleich 3.000 Stück davon. Im folgenden Jahr erhielt die Firma Steiff den Grand Prix der Weltausstellung in St. Louis und verkaufte an Ort und Stelle 12.000 der begehrten Bären.

1904 wurde der Knopf im Ohr eingeführt, das Markenzeichen, für das Steiffprodukte berühmt sind. 1907 zählte das Werk bereits 400 Beschäftigte, nicht gezählt die 1.800 Heimarbeiterinnen, die die Fabrik belieferten. Margarete Steiff starb am 9. April 1909. Ihre Firma blieb auch weiterhin in Familienbesitz und konnte im späten 20. Jahrhundert beträchtlich expandieren. Die Fabrik von 1903 ist immer noch in Benutzung und zieht jährlich 40.000 Besucher an.