Annie Besant (1847 – 1933)

Annie Besant (geborne Wood) lebte ein langes, abwechslungs- und erlebnisreiches Leben und spielte einige Jahre lang eine Schlüsselrolle für die Industriegeschichte.

Sie war die Tochter eines Londoner Versicherers und wurde bis in ihr 16. Lebensjahr von der Hauslehrerin Ellen Marryat unterrichtet, der Schwester von Captain Frederick Marryat, einem Autor von Abenteuerbüchern für Jungen. In ihrer späten Jugend hatte sie starke religiöse Neigungen und stand unter dem Einfluss der Oxford-Bewegung. Mit 20 Jahren heiratete sie den Pfarrer Frank Besant (1840-1917), Bruder des bekannten Schriftstellers Sir Walter Besant (1836-1901). 1869 und 1870 gebar sie ihm zwei Kinder. Als es Besant 1872 nach Sibsey in Lincolnshire zog, geriet sie in Verzweiflung über die Aussicht einer dritten Schwangerschaft, wurde aber von E. B. Pusey, einem bis dahin von ihr respektierten Führer der Oxford-Bewegung, beschieden, sie habe wohl zu viel gelesen. Daraufhin näherte sie sich den Freidenkern an, was ihren Mann dazu veranlasste, ihr ein Ultimatum zu stellen. Sie verließ ihn 1874, um in London zu leben, wo sie elf Jahre lang mit Charles Bradlaugh (1833-91) zusammenarbeitete, einem Freidenker und Verfechter der Geburtenkontrolle. 1885 führte sie der Dramatiker George Bernard Shaw (1856-1950) in die Fabian Society ein.

Am 13. November 1887 führte sie eine Abordnung aus dem Londoner East End zu einer Demonstration auf den Trafalgar Square, um gegen die Entscheidung der Polizeibehörde zu protestieren, den Platz für politische Versammlungen zu sperren. Die in der Folge ausbrechenden Unruhen gingen als Bloody Sunday (Blutiger Sonntag) in die Geschichte ein. Etwa um diese Zeit brach sie mit Bradlaugh und trat mit William Morris und anderen der Law & Liberty League (Liga für Recht und Freiheit) bei, deren Zeitschrift sie fortan herausgab.

1888 veröffentlichte sie einen Bericht über Arbeiterinnen der Streichholzfabrik Bryant & May im East End und half ihnen anschließend, eine Gewerkschaft zu gründen, die sogleich einen Streik für bessere Arbeitsbedingungen organisierte. Einige Jahre lang war sie ein führender Kopf der Neuen Gewerkschaftsbewegung (New Unionism) und trat dabei insbesondere für die Interessen ungelernter Frauen ein. Sie strebte nach einem öffentlichen Amt und errang 1889 die Mehrheit bei den Wahlen zur Londoner Schulbehörde. Für die Wahlen zum Parlament oder auf der Ebene der soeben erst ins Leben gerufenen Londoner Bezirksgemeinde waren weibliche Kandidaten zu jener Zeit nicht zugelassen.

Sie beschäftigte sich zunehmend mit Theosophie und östlichen Religionen im Allgemeinen und reiste 1893 nach Indien, wo sie den größten Teil ihres restlichen Lebens verbrachte. 1917 wurde sie von den örtlichen Autoritäten interniert, weil sie energisch gegen die Niederschlagung des Aufstandes gegen die britische Herrschaft in Dublin zu Ostern 1916 protestiert hatte. Eine Zeit lang spielte sie zudem eine führende Rolle in der Kongressbewegung, die für das Ende der britischen Kolonialherrschaft in Indien eintrat. In den 1920er Jahren widmete sie sich fast ausschließlich der Theosophie und reiste per Flugzeug viel herum, um die Prinzipien dieser Erlösungslehre zu verbreiten.