Welterbe Fagus-Werk

Wie wird eine Schuhleistenfabrik in der niedersächsischen Provinz zum Wendepunkt der modernen Architektur? Das ehemalige Lagerhaus des Fagus-Werks in Alfeld erzählt dazu über fünf Etagen eine spannende Geschichte, in der wir vieles erkennen, was unsere Sehgewohnheiten bis heute prägt. Diese Geschichte hat zwei Väter: den aufgeklärten Industriellen Carl Benscheidt (1858-1947), der sein wertvollstes Kapital in seinen Mitarbeitern sah, und den aufstrebenden Architekten Walter Gropius (1883-1969), dessen richtungweisendes Verständnis einer menschenwürdigen Bauweise hier erstmals Gestalt annimmt und später unter dem Namen Bauhaus weltweit Berühmtheit erlangt. Die größte Überraschung für Besucher: Das Fagus-Werk, 2011 von der UNESCO zum Welterbe erklärt, ist immer noch in Betrieb. Entsprechend geht es nicht nur um Vergangenes, sondern auch um die Entdeckung eines lebenden Denkmals. Interaktive Medienstationen, 3D-Filme, Videos und umfangreiche Ausstellungsinstallationen veranschaulichen Geschichte und Gegenwart des Industriewerks. Die innovative Architektur der 1911 bis 1914 entstandenen Originalbauten kommt dabei ebenso zur Sprache wie die Schuhmode der letzten 100 Jahre oder die Menschen, die bei Fagus arbeiteten und arbeiten.

Geschichte

1911: Der spätere Bauhausgründer Walter Gropius und sein Sozius Adolf Meyer legen den Grundstein zum Fagus-Werk. Das öffentliche Leben jener Zeit ist geprägt von Zylinder und Pickelhaube, Kaiserpomp und Feuerzangenbowlen-Gemütlichkeit. In der Architektur konkurrieren Historismus, Neoklassizismus und Jugendstil miteinander. In dieses Umfeld platzen Gropius und Meyer mit einem Bau, dem alles zu fehlen scheint: historische Verankerung, Monumentalität, Bauschmuck, Erhabenheit. Stattdessen beschränken sie sich ganz auf geometrische Grundformen, verzichten auf stützende Eckpfeiler und setzen auf durchgehende Glasfronten in einer subtilen Stahlrahmenkonstruktion. Dieser bewusste Bruch mit allen Traditionen, der hier erstmals umfassend und konsequent umgesetzt wird, macht das Fagus-Werk zum "Ursprungsbau der Moderne" und setzt Maßstäbe, die bis heute nachwirken.

Wieso dieser architektonische Meilenstein in Alfeld steht? Weil Bauherr Carl Benscheidt klare Vorstellungen davon hatte, wie seine Schuhleistenfabrik auszusehen hatte. In erster Linie wünschte er sie sich funktional, also in ihrem Aufbau am produktionstechnischen Ablauf orientiert. Gemeinsam mit den beiden beauftragten Architekten legte er zudem Wert auf gute Lichtverhältnisse und eine Aufwertung der Arbeitsplätze durch eine klare, aber auch ästhetisch anspruchsvolle Raumgestaltung. Diese kommt besonders in den neuen Baumaterialien Glas und Stahl zum Ausdruck. Für die Werkstatt mit den Leistendrehbänken schaffen sie eine optimale Arbeitsumgebung. Zugleich verleiht die scheinbar stützenlose Architektur dem dreistöckigen Bau eine schwerelose, für damalige Industrieanlagen revolutionäre Eleganz. Der bereits 1946 unter Denkmalschutz gestellte Komplex hat in den vergangenen 100 Jahren wiederholt Umnutzungen und Sanierungen erlebt. Im Jahr 2000 eröffnete die Fagus-Gropius-Ausstellung im alten Lagerhaus, seit 2015 erweitert um ein brandneues UNESCO-Besucherzentrum im historischen Spänehaus.

Empfohlene Aufenthaltsdauer: 3 Stunden
Dauer einer geführten Tour: 60 Minuten
Eintritt: kostenpflichtig
Barrierefreier Zugang: bitte Hinweise auf Webseite beachten
Angebote für Kinder:
Gastronomie:
Besucherzentrum beim Objekt: ja
Museumsshop: ja

täglich 10.00-16.00 Uhr

  • Führungen möglich
  • Fremdsprachliche Führungen
  • Führungen für Kinder