Zu Gast in Europas Norden

So war die ERIH-Jahreskonferenz in Kopenhagen und Frederiksvaerk, Dänemark

Wie können Industriekultur-Standorte und moderner Werkstourismus voneinander lernen und profitieren? Sollte ERIH bereits bestehende Verbindungen zum Werkstourismus intensivieren? Und wie vermitteln wir die Beziehungen zwischen alter und moderner Industrie heutigen und zukünftigen Generationen? Gelingt es, neue Zielgruppen über diese Angebote anzusprechen? Die diesjährige ERIH-Konferenz, zu der rund 60 Teilnehmer aus verschiedenen europäischen Ländern in Dänemark zusammenkamen, war ein erster Schritt, um Antworten auf diese Fragen zu finden.


Industrieerlebnis live: Erfolgreiche Beispiele

Gleich zu Anfang präsentierten Vertreter dreier ERIH-Ankerpunkte spannende Beispiele für die Besichtigung aktiver Industriebetriebe. In S. João da Madeira bei Porto in Nordportugal startete der Stadtrat 2012 ein Projekt, das die regionale Industriekultur fördert, indem es die industrielle Vergangenheit in Museen dokumentiert und gleichzeitig aktive Betriebe aus traditionellen und innovativen Branchen öffentlich zugänglich macht. So können Besucher zwischen mehreren thematischen Routen wählen und erleben die Fertigung von so unterschiedlichen Produkten wie Schuhen, Hüten, Bleistiften, Matratzen und Textil-Labels.

Eine erfolgreiche touristische Vermarktung gelingt auch dem Fagus-Werk in Alfeld (Deutschland) – dem einzigen UNESCO-Welterbe, das noch produziert. Architekt der 1911 gebauten Fabrik mit ihren großen Fensterfronten war Walter Gropius (1883-1969). Traditionell produziert das Werk Schuhleisten, seit 1974 gehören auch Feuerschutzanlagen und Messsysteme zum Portfolio. Ein drittes Standbein ist das Besucher-Management, das Events, Ausstellungen und Führungen durch die laufende Produktion und das werkseigene Museum anbietet und organisiert. Dazu wird an Wochenende eigens die Produktionshalle leer geräumt.

Am ERIH-Ankerpunkt Abenteuer Erzberg in Eisenerz (Österreich) steht Industrie als Live-Erlebnis besonders im Fokus. Zentraleuropas größter Tagebau mit einer jährlichen Erzförderung von drei Millionen Tonnen erkunden Besucher in vollem Betrieb an Bord eines buchstäblich haushohen Trucks. Zudem gehört der Standort zum zentraleuropäischen INTERREG-Programm InduCult 2.0, das die kulturellen Ursprünge heutiger Industrien sichtbar machen will und deshalb Industriekultur-Standorte mit aktuellen Industriepionieren aus der Kreativbranche zusammenbringt. Touristische Attraktionen wie öffentliche Installationen und industriekulturelle Festivals sollen die Bedeutung der alten und neuen Industriekultur gerade für die Randregionen Zentraleuropas hervorheben.

Live-Industrieerlebnisse bietet auch die Industrielandschaft von Kryvyi Rih, einer Großstadt im Zentrum der Ukraine mit Dutzenden noch aktiver Eisenerzminen – darunter das mit 1.620 tiefste Bergwerk Europas –, dem größten und tiefsten Tagebau des Kontinents und zahlreichen Industriekultur-Standorten und Industriemuseen. Vergangenheit und Gegenwart der industriellen Entwicklung stehen hier unmittelbar nebeneinander. Zu den spektakulärsten Besucher-Attraktionen gehört die Abfahrt in eine noch aktive Mine bis auf eine Tiefe von 1.350 Metern. Vortrag auf YouTube

PR-Event 2018, Diskussionsrunden und Exkursionen

Auf die „Best Practices“ folgte die Vorstellung einer europaweiten ERIH-Aktion aus Anlass des Europäischen Kulturerbejahrs 2018 (ECHY 2018). Die Frankfurter PR-Spezialisten von Transparent Design, Sieger eines von ERIH ausgeschriebenen Agentur-Pitches, präsentierten „Work it Out“, eine Tanz-Performance, an der möglichst viele ERIH-Standorte teilnehmen sollen. Eignung und Umsetzung des PR-Events waren ebenso Gegenstand der anschließenden Diskussionsrunden wie die Ausgangsfrage nach einer Verknüpfung von Industriekultur und Werkstourismus.

Den stilvollen Rahmen der Konferenz bildete die ehemals königliche Waffengießerei Gjethuset in Frederiksvaerk bei Kopenhagen, heute eines der zentralen Industriedenkmäler Dänemarks. Ein Nachmittagsspaziergang machte die Konferenzteilnehmer mit den Unterkünften der ehemaligen Werksarbeiter bekannt und führte auch zu den Anlagen, in denen Schießpulver hergestellt wurde. Zum Abschluss des Konferenztages gab es ein stimmungsvolles Dinner mit Klavierbegleitung.

Weitere Besichtigungen standen am nächsten Vormittag auf dem Programm. Im Zentrum des zuerst besuchten Diesel House steht ein 22.500 PS starker und mehrere Etagen hoher Dieselmotor anno 1933, der mehr als 30 Jahre lang der größte Vertreter seiner Art in Europa war. Eine gut strukturierte Begleitausstellung erzählt die Geschichte der Dieseltechnologie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. Im Anschluss ging es zur berühmten, 1847 gegründeten Carlsberg-Brauerei, die in ihrem Museum unter anderem die weltgrößte Sammlung ungeöffneter Bierflaschen internationaler Herkunft zeigt. Bier zum Verkosten gab es am Ende des Rundgangs.

Die gesamte Konferenz über waren Frank Allan Rasmussen und Marie Bach mit ihrem Team vom Industrimuseet Frederiks Vaerk umsichtige und engagierte Gastgeber. Ein herzliches Dankeschön an sie und alle Referenten für eine spannende ERIH-Konferenz 2017!

Konferenzvorträge
Photos von der Konferenz
Filmische Impressionen von der Konferenz